Brüssel/Wien. Fettsüchtige mit exorbitant hohen Blutdruckwerten mögen zwar die durch Herzinfarkt und Schlaganfall am meisten gefährdeten Menschen sein. Doch die größte Zahl der Infarkte und Schlaganfälle spielt sich bei "Normalbürgern" mit vergleichsweise geringen Risikofaktoren ab. Deshalb sollten nicht nur die Angehörigen der Hoch-Risiko-Gruppen identifiziert und mit allen Mitteln behandelt werden, sondern vor allem der Lebensstil der Durchschnittsbevölkerung durch primäre Prävention etwas verbessert werden, forderten Experten bei einem Seminar der Europäischen Schlaganfall-Allianz (SAFE) in Brüssel.

"Herz-Kreislauferkrankungen verursachen weltweit ein Drittel der Todesfälle. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von jährlich 16,7 Millionen Todesopfern aus. Jedes Jahr überleben etwa 20 Millionen Menschen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall mit der Gefahr von Invalidität und anderen Konsequenzen", sagte Jon Barrick, federführender Proponent von SAFE, des europäischen Dachverbands von 25 nationalen Schlaganfall-Selbsthilfegruppen.

Acht Opfer pro Minute

Das Problem: Mit sitzender Lebensweise und mangelnder körperlicher Bewegung, hohen Cholesterinwerten, Rauchen, Diabetes, hohem Blutdruck, zu wenig Obst und Gemüse in der Ernährung und Alkoholkonsum sind die Risikofaktoren für die Herz-Kreislauf-Erkrankungen seit Jahrzehnten bekannt. Doch das Wissen wird nicht ausreichend umgesetzt. Viel eher wird erst zu spät und bereits eingetretenen Erkrankungen – und dann teuer – medizinisch interveniert.

Ernst Rietzschel, Kardiologe von der Universität in Gent in Belgien: "Diese nicht übertragbaren Erkrankungen machen weltweit 30 Prozent der Todesursachen aus. In unseren Ländern sind es aber 50 Prozent. Wir müssen vor allem die gesunde Lebenszeit der Menschen verlängern."

Der Experte nannte die enormen Kosten der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Europa: "Diese Krankheiten kosten die Gesellschaft in Europa pro Jahr 192 Milliarden Euro. Es sind 4,3 Millionen Todesfälle pro Jahr, 21,9 Millionen Euro pro Stunde, 12.000 Tote pro Tag, acht Opfer pro Minute."

Doppelstrategie notwendig

Positive Entwicklungen auf dem Gebiet von Herzinfarkt und Schlaganfall bzw. der bei diesen Akuterkrankungen zugrunde liegenden Atherosklerose würden zum Teil wieder durch negative Entwicklungen wettgemacht. Der Experte: "In den vergangenen 20 Jahren haben wir in den Industriestaaten die Herz-Kreislauf-Todesraten in etwa halbiert. Zu 50 bis 75 Prozent ist das auf eine bessere Vorsorge zurückzuführen, zu 30 bis 45 Prozent auf die bessere Behandlung. Doch wir verlieren wieder zehn bis 15 Prozent des Erreichten durch die Folgen des Lebensstils. In den USA sind bereits 20 Prozent der Menschen fettsüchtig. Das Lebensrisiko eines Buben, an Diabetes zu erkranken, beträgt 33 Prozent, bei Mädchen 39 Prozent."

Will man das ändern, ist laut Rietzschel eine Doppelstrategie notwendig: "Ein Mensch mit einem BMI von 35 (ab 30: Adipositas; Anm.) und einem systolischen Blutdruck von 180 mmHg (normal: unter 135 mmHg bei Selbstmessung; Anm.) hat natürlich das größte Risiko. Diese Menschen muss man identifizieren und hoch wirksam medizinisch behandeln. Doch die meisten Herzinfarkte und Schlaganfälle treten bei Menschen mit einem Blutdruck von 145 mmHg und einem BMI von 27, also Menschen wie Du und Ich, auf. Wenn wir bei diesen Menschen den Lebensstil nur etwas gesünder machen, bewirken wir einen enormen Effekt."

Mehr Primärprävention unumgänglich

Das Gesundheitswesen investiert in vielen Staaten – auch in den reichsten Ländern der westlichen Welt – viel zu wenig in die primäre Verhütung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. "Kanada investiert dafür sieben Prozent der Gesundheitsausgaben, in der OECD sind es durchschnittlich drei Prozent, in meinem Land zwei Prozent", meint der belgische Gesundheitsökonom Lieven Annemans von der Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften der Universität Gent bei dem vom deutschen Pharmakonzern Bayer unterstützten Seminar der Europäischen Schlaganfall-Allianz (SAFE) in Brüssel. In Österreich liegt dieser Anteil noch unter zwei Prozent

Der deutsche Kardiologe Joachim Heisters, der bei Düsseldorf im Bundesland Nordrhein-Westfalen eine spezialisierte Praxis betreibt: "Ich habe mit der hoch-technisierten Behandlung der Endschäden begonnen und komme immer mehr zur Primärprävention. Doch die Krankenkassen zahlen das noch viel zu wenig." Die Verhütung von Atherosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen müsse beim noch Gesunden beginnen.

Gesunde Lebensjahre verlängern

Laut Gesundheitsökonom Annemans, wären größere Anstrengungen in der Prävention nicht immer, aber in der überwiegenden Zahl der Fälle hoch kosteneffektiv: "Wenn Menschen am Tag eine Portion Obst zusätzlich essen, sinkt das Herz-Kreislauf-Risiko um vier Prozent, das Schlaganfallrisiko um sechs Prozent. Zehn mmHg weniger Blutdruck senken die Schlaganfallgefährdung um 31 Prozent."

Relativ einfache Maßnahmen wären laut dem Fachmann gerade in Zeiten der Budgetkrise besonders wichtig. Der Wirtschaftswissenschafter, der sich auf die Evaluierung von Gesundheitsmaßnahmen spezialisiert hat: "In den vergangenen zehn Jahren sind die Gesundheitsausgaben in den OECD-Ländern pro Jahr jeweils um durchschnittlich vier bis fünf Prozent gestiegen. Seit der Wirtschaftskrise von 2010 sinken sie. Das Gesundheitswesen war nicht der Grund für die Finanzkrise. Der Grund für die Finanzkrise waren Dummheit und Betrug im Finanzsektor. Aber die Regierungen müssen sparen und haben dabei die Gesundheitsausgaben reduziert. In Gesundheit sollte aber investiert werden. Das Ziel des Gesundheitswesens muss es sein, frühzeitige Todesfälle zu verhindern und die Zahl der gesunden Lebensjahre zu verlängern."

Der deutsche Pharmakonzern Bayer ist seit der Erfindung von Aspirin im Jahr 1899 auch auf dem Gebiet der Herz-Kreislauf-Erkrankungen tätig und hat in den vergangenen Jahrzehnten wesentliche Arzneimittel auf diese Gebiet entwickelt. Derzeit läuft ein großes Studienprogramm mit dem neuen Thrombose-Medikament Rivaroxaban in verschiedenen Indikationen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen.