Will man das ändern, ist laut Rietzschel eine Doppelstrategie notwendig: "Ein Mensch mit einem BMI von 35 (ab 30: Adipositas; Anm.) und einem systolischen Blutdruck von 180 mmHg (normal: unter 135 mmHg bei Selbstmessung; Anm.) hat natürlich das größte Risiko. Diese Menschen muss man identifizieren und hoch wirksam medizinisch behandeln. Doch die meisten Herzinfarkte und Schlaganfälle treten bei Menschen mit einem Blutdruck von 145 mmHg und einem BMI von 27, also Menschen wie Du und Ich, auf. Wenn wir bei diesen Menschen den Lebensstil nur etwas gesünder machen, bewirken wir einen enormen Effekt."

Mehr Primärprävention unumgänglich

Das Gesundheitswesen investiert in vielen Staaten – auch in den reichsten Ländern der westlichen Welt – viel zu wenig in die primäre Verhütung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. "Kanada investiert dafür sieben Prozent der Gesundheitsausgaben, in der OECD sind es durchschnittlich drei Prozent, in meinem Land zwei Prozent", meint der belgische Gesundheitsökonom Lieven Annemans von der Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften der Universität Gent bei dem vom deutschen Pharmakonzern Bayer unterstützten Seminar der Europäischen Schlaganfall-Allianz (SAFE) in Brüssel. In Österreich liegt dieser Anteil noch unter zwei Prozent

Der deutsche Kardiologe Joachim Heisters, der bei Düsseldorf im Bundesland Nordrhein-Westfalen eine spezialisierte Praxis betreibt: "Ich habe mit der hoch-technisierten Behandlung der Endschäden begonnen und komme immer mehr zur Primärprävention. Doch die Krankenkassen zahlen das noch viel zu wenig." Die Verhütung von Atherosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen müsse beim noch Gesunden beginnen.

Gesunde Lebensjahre verlängern

Laut Gesundheitsökonom Annemans, wären größere Anstrengungen in der Prävention nicht immer, aber in der überwiegenden Zahl der Fälle hoch kosteneffektiv: "Wenn Menschen am Tag eine Portion Obst zusätzlich essen, sinkt das Herz-Kreislauf-Risiko um vier Prozent, das Schlaganfallrisiko um sechs Prozent. Zehn mmHg weniger Blutdruck senken die Schlaganfallgefährdung um 31 Prozent."

Relativ einfache Maßnahmen wären laut dem Fachmann gerade in Zeiten der Budgetkrise besonders wichtig. Der Wirtschaftswissenschafter, der sich auf die Evaluierung von Gesundheitsmaßnahmen spezialisiert hat: "In den vergangenen zehn Jahren sind die Gesundheitsausgaben in den OECD-Ländern pro Jahr jeweils um durchschnittlich vier bis fünf Prozent gestiegen. Seit der Wirtschaftskrise von 2010 sinken sie. Das Gesundheitswesen war nicht der Grund für die Finanzkrise. Der Grund für die Finanzkrise waren Dummheit und Betrug im Finanzsektor. Aber die Regierungen müssen sparen und haben dabei die Gesundheitsausgaben reduziert. In Gesundheit sollte aber investiert werden. Das Ziel des Gesundheitswesens muss es sein, frühzeitige Todesfälle zu verhindern und die Zahl der gesunden Lebensjahre zu verlängern."

Der deutsche Pharmakonzern Bayer ist seit der Erfindung von Aspirin im Jahr 1899 auch auf dem Gebiet der Herz-Kreislauf-Erkrankungen tätig und hat in den vergangenen Jahrzehnten wesentliche Arzneimittel auf diese Gebiet entwickelt. Derzeit läuft ein großes Studienprogramm mit dem neuen Thrombose-Medikament Rivaroxaban in verschiedenen Indikationen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen.