Das Lied allein genügt nicht: Froschweibchen wollen ihre Traumprinzen auch sehen. - © Roland Knauer
Das Lied allein genügt nicht: Froschweibchen wollen ihre Traumprinzen auch sehen. - © Roland Knauer

Berlin. Wenn in lauen Sonnennächten die Frösche lautstark aus dem Tümpel quaken, verstehen menschliche Zuhörer die Prinzipien hinter der Partnerwahl der Tiere intuitiv: Die Weibchen suchen sich den stimmgewaltigsten Quaker mit dem besten Gesang aus, weil der vermutlich auch sonst fit ist und dem Nachwuchs gute Eigenschaften vererben dürfte.

Ganz so einfach sind die Frosch-Romanzen aber nicht, berichten die US-Forscher Ryan Taylor von der Salisbury University in Maryland und Mike Ryan von der University of Texas in Austin in "Science": Die Weibchen wollen ihren Troubadour nicht nur hören, sondern auch sehen. Zumindest gilt das für den Tungara-Frosch Engystomops pustulosus, der seine erotischen Konzerte an Tümpeln und Weihern in Zentral- und Südamerika veranstaltet.

Anziehung und Risiko


Genau genommen quaken die Männchen nicht. Die zwei bis drei Zentimeter langen Tiere blasen vielmehr ihren Kehlsack auf und produzieren einen lang gezogenen, jammernden Heulton in höheren Frequenzen, dem kurze, knarzende Laute im Bass folgen. Die Weibchen legen dabei Wert auf die komplette Melodie, fanden die Forscher heraus, indem sie Tungara-Weibchen aus einem Lautsprecher entweder nur die hohen, jammernden Töne oder die tiefen Knarz-Laute vorspielten. Das Ergebnis: Wenn kein Knarz-Laut folgt, interessiert sich das andere Geschlecht nicht. Das Knarzen allein erregt zwar mehr Aufmerksamkeit als das Heulen allein, aber das reicht noch lange nicht für einen echten Casanova. Erst wenn die Forscher beide Laute kombinierten, fanden die Frosch-Weibchen das interessant und hüpften fünfmal häufiger auf den Lautsprecher zu, aus dem das attraktive, jammernde Heulen gefolgt von den kurzen Knarz-Wiederholungen tönte. Und je mehr Knarz-Laute dem Heulen folgen, umso mehr Sex-Appeal scheinen die Männchen zu haben.

Besonders häufig knarzende Männchen demonstrieren ihre Kraft und Größe allerdings nicht nur Frosch-Weibchen, sondern unabsichtlich auch Fledermäusen, die gerne Froschschenkel fressen. Attraktive Troubadoure werden bald von deren scharfen Zähnen gepackt. Dieses Dilemma zwischen Attraktivität und Todesrisiko hat die Männchen im zentralamerikanischen Regenwald dazu veranlasst, einen Mittelweg zu suchen. Sie knarzen nach ihrem Heuler nur zwei oder drei Mal - und die Weibchen werden genau von dieser Reihenfolge besonders angezogen.

Bei der Partnerwahl gibt es aber noch ein weiteres Problem. Menschen kennen es von Partys: Es ist verdammt schwer, aus den verschiedenen Stimmen, die einem ins Ohr schwirren, ein einzelnes Gespräch herauszufiltern. Behält man aber einen Sprecher im Auge, helfen die Bewegungen seiner Lippen beim Finden eines Gesprächsfadens im Stimmen-Wirrwarr. Auch die Tungara-Frosch-Weibchen könnten eine Kombination aus Hören und Sehen verwenden, um ein besonders attraktives Männchen an einem Tümpel zu identifizieren, wo Dutzende Heul- und Knarz-Laute verschiedener Frösche durch die Tropenluft schwirren.

Zum Beweis kombinierten die Forscher das Heulen mit einem einzelnen Knarz-Laut. Erwartungsgemäß interessierten sich die Weibchen nicht für einen Lautsprecher, aus dem dieser Kombi-Laut erklang. Das änderte sich jedoch, wenn die Forscher zusätzlich eine Frosch-Attrappe zum Einsatz brachten, die einen künstlichen Kehlsack aufblasen konnte. Saßen die Weibchen in der Mitte zwischen zwei Lautsprechern, hüpften sie zielstrebig auf jenen zu, neben dem die Attrappe sich zusätzlich zum Heulen und einmaligen Knarzen kräftig aufplusterte - allerdings nur dann, wenn der künstliche Kehlsack genau in der gleichen Reihenfolge wie ein echter Frosch-Troubadour aufgeblasen wurde. Das Lied allein genügt also nicht, die Weibchen wollen ihren Verehrer auch sehen, bevor sie ihre Wahl treffen.