Neue Verteidigungslinie
für Kindermörder

Solche Summen sind übrigens auch der Motor dafür, dass die geköderten Menschen immer weitermachen: Sie haben investiert und wollen ein Ergebnis erzielen, auch wenn dieses in der Irrationalität angesiedelt ist. Für dieses Ergebnis sind sie bereit, weiter zu bezahlen, während sie einen Abbruch der sogenannten Ausbildung als Verlust werten würden.

Sollte dieses schrittweise und kostspielige Einweihungssystem von Kryon höchstpersönlich durchgegeben worden sein, hat er seine Engelsschule möglicherweise bei Scientology absolviert - dort wird das nämlich ähnlich gehandhabt. Wenn allerdings Kindermörder von den Kryonisten damit entschuldigt werden, dass sie, wie in der Geschichte der "kleinen Sally" dargelegt, mit der "anderen Seite" einen karmischen Vertrag haben und sich ihrer Tat nicht verweigern können, erreicht das Spektrum der gefährlichen Irrlehren einen neuen Höhepunkt. Und manch Strafverteidiger mag interessante Argumente entdecken, sollte er einen Mörder verteidigen: unschuldig wegen karmischer Unausweichlichkeit.

Vielleicht sollte man aber auch fragen, was Menschen esoterischen Zirkeln zutreibt. Fischler empfiehlt in seinem Buch eine Vernunft ohne jegliche Spiritualität als Abwehrmechanismus, löst damit indessen das wirkliche Problem nicht. Denn durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte zieht sich als roter Faden, dass, von einigen Individuen abgesehen, Vernunft allein die geistigen Bedürfnisse nicht befriedigt.

Obendrein treibt die zunehmende Einsamkeit des Menschen in der heutigen Gesellschaft den Sekten und esoterischen Systemen ihre Klientel zu: Wer im Alltag keine Aufmerksamkeit erfährt, fühlt sich allzu schnell geborgen, wenn Interesse an ihm als Person bekundet wird. Für den Wohlfühlfaktor nimmt er die kostspieligen Lehren als Begleiterscheinung hin. Menschen, die in ein funktionierendes soziales Umfeld eingebettet sind, sind nicht nur weniger anfällig für Sekten, sie werden bei einem einschlägigen Kontakt auch seltener in Versuchung geraten, die zweckgebundene Freundlichkeit für echte Freundschaft zu halten, da sie ja Vergleichsmöglichkeiten im täglichen Leben außerhalb der Sekte oder des esoterischen Systems haben.

Die Pervertierung
religiöser Lehren

Wie die zunehmende Isolierung des Einzelnen, so erweist sich die atheistische Missionsarbeit unserer Tage ebenfalls als Nährboden für Sekten und esoterische Systeme. Die Zerschlagung und Verhöhnung religiöser Lehren führt nicht zum Verschwinden religiöser Einstellungen, es führt zu ihrer Pervertierung: Wer verspottet wird, weil er zum Gott des Christen-, des Judentums oder des Islam betet, betet dennoch - nur eben zu Kryon oder einer anderen Kreatur aus den Kanälen der Engelfabriken. Denn ohne Gott scheint es nicht zu gehen. Auch das ist eine Lehre, die uns die neue Esoterik-Welle, freilich ohne es zu wollen, erteilt.