"Das Böse ist immer und überall" lautet der Refrain eines Songs der österreichischen Pop-Rock-Band EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung) und wenn man das tägliche Fernsehprogramm durchsieht, lässt sich dieser Eindruck nur bestätigen. Eine unüberschaubare Reihe von Soko- und CSI-Folgen,  "Tatort"-Wiederholungen in Endlosschleife – und doch sorgt selbst die x-te Wiederholung eines Serials bei den privaten Sendern noch für Quote. "In jedem von uns schlummert ein Psychopath", raunt eine Stimme bedrohlich in einem Trailer für eine US-Krimiserie, die durch besonders grausame Morde hervorsticht. Unwillkürlich ist man versucht, nachzuschauen, ob man wirklich die Tür und alle Fenster gut verschlossen hat, ehe man sich dem fiktiven Morden und Quälen hingibt.

Mit dem realen Bösen wollen wir alle nichts zu tun haben. Eher beschäftigt uns die Frage, warum es böse Menschen, die quälen, foltern und morden, überhaupt gibt. Der deutsche Psychiater und Angstforscher Borwin Bandelow vermutet in seinem neuen Buch "Wer hat Angst vorm bösen Mann?" den Ursprung des Bösen in der menschlichen Hirnchemie. Bandelow beschreibt Täter und Fälle, die er selbst behandelt hat, darunter auch den Fall Kampusch und Josef Fritzl. Seine These ist einfach: Böse Menschen leiden an einem Mangel an Endorphinen und suchen stets nach dem ausgleichenden Schub. Sie verstoßen gegen alle Regeln der Gesellschaft und trachten nach Macht. Denn Macht (über Opfer) produziert viele Endorphine.

Die Kompensation der realen Gewalt in der literarischen Form des Kriminalromans, ist eine Entwicklung des frühen 19. Jahrhunderts und ist in Zusammenhang mit dem Entstehen einer bürgerlichen Gesellschaft zu sehen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in keiner Kultur einen Polizeiapparat, der sich überhaupt um die Aufklärung von Verbrechen bemühte. In Frankreich wurde 1810 die erste ermittelnde Polizei gegründet – bezeichnenderweise von einem früheren Berufsverbrecher, der über eine gute Kenntnis der Szene verfügte. In England wurde ab 1829 Scotland Yard aufgebaut. Erst in einer Gesellschaft, die Verbrechen mithilfe einer staatlichen Behörde aufzuklären versuchte, konnte der Kriminalroman entstehen. Der im April verstorbene Krimiforscher und Buchhändler Manfred Sarrazin belegte diese Theorie damit, dass in Staaten mit geringem Rechtsbewusstsein und wenig Demokratie auch keine Krimis geschrieben oder gelesen wurden.