Wien. Tabun, Sarin und Soman sind keineswegs die wohlklingenden Namen von Wasch- oder Putzmitteln, sondern von Nervengiften, die einen Menschen innerhalb weniger Minuten töten können. Sie wurden in Nazideutschland entwickelt und im Zweiten Weltkrieg in großen Mengen hergestellt, jedoch glücklicherweise nicht angewendet. Die USA und andere Staaten behaupten, dass der syrische Staatspräsident Bashar al-Assad am 21. August mehr als 1400 Menschen mit Sarin getötet hat, was er bestreitet.

1936 erhielt der Grazer Pharmakologe Otto Loewi den Medizinnobelpreis. Er hatte 1920 nachgewiesen, dass die Nervenimpulse von einer Nervenzelle zur nächsten oder zu einer Muskelzelle an der Kontaktstelle auf chemischem Wege, durch eine Überträgersubstanz, weitergeleitet werden. Weitere Forschungen ergaben, dass es in sehr vielen Fällen der Neurotransmitter Azetylcholin ist, der den Reiz weitergibt und so die Muskelbewegung auslöst.

Nicht nur gegen Blattläuse


Damit die Wirkung wieder verschwindet und weitere Impulse empfangen werden können, muss das Azetylcholin unwirksam gemacht werden. Das geschieht durch den Stoff Azetylcholinesterase oder kurz Cholinesterase. Er zerlegt das Azetylcholin in weniger als einer Tausendstelsekunde in Cholin und Essigsäure.

Am 23. Dezember 1936, zwei Wochen nach der Überreichung des Nobelpreises an Loewi, stieß der deutsche Chemiker Gerhard Schrader, der bei der Interessengemeinschaft Farbenindustrie in Leverkusen arbeitete, bei Forschungen zur Herstellung von Insektenvertilgungsmitteln auf ein außerordentlich starkes Gift. Wie sich herausstellte, tötete die später Tabun genannte Substanz nicht nur Blattläuse, sondern hatte als Spray auch unangenehme Nebenwirkungen auf den Menschen. Schrader und sein Team litten unter Sehschwäche, Atembeklemmungen und Asthmaanfällen und waren drei Wochen lang krank. Dabei hatten sie Glück, dass die zubereitete Menge so klein war. Sie hätten auch sterben können, denn Schrader hatte unabsichtlich den bis dahin stärksten Kampfstoff gefunden.

Tabun, ebenso wie der von Schrader entdeckte noch giftigere Phosphorsäureester Sarin und das vom Wiener Chemienobelpreisträger Richard Kuhn gefundene Soman sowie das ebenfalls 1944 von Schrader hergestellte inzwischen verbotene Insektenvertilgungsmittel und Mord- und Selbstmordgift E 605 (Parathion) sind solche Cholinesterasehemmer. Sie verhindern, dass die Cholinesterase das Azetylcholin spaltet. Dadurch kommt es zu einer Dauer- und Übererregung und infolgedessen zu einer Verkrampfung der Muskeln, zum Verlust der Muskelkontrolle, zu Muskelzuckungen, Lähmungen, Schweißausbrüchen, Tränen- und Speichelfluss, Übelkeit, Atemnot, Sehtrübungen bis zur Erblindung, Koliken und Verlangsamung des Herzschlags. Der Körper kann Harn und Kot nicht mehr halten, es kommt zu unkontrollierbarem Erbrechen. Nach all diesen qualvollen Symptomen tritt der Tod, für den rund ein Tausendstelgramm genügt, je nach Menge nach Minuten oder Stunden ein. Das Tückische ist, dass diese Gifte nicht nur durch die Lunge, sondern auch durch die Haut rasch aufgenommen werden.