Umdenken beim Wachstum

Nimmt man für die Sicherheit auch mehr Überwachung in Kauf? "Ja, viele Orwell’sche Züge sind ja heute schon erkennbar. Ich habe 1999 das Buch ,Generation @‘ herausgegeben und gesagt: Das Internet ist eine Erfindung des amerikanischen Verteidigungsministeriums und nur darauf ausgerichtet, Spähprogramme zu entwickeln, und genauso ist gekommen."

Für Deutschland und die Schweiz hat Opaschowski einen Wohlstandsindex verfasst, er konstatiert ein Umdenken bei den Menschen: "Wohlstand wird neu definiert: gut leben statt mehr haben. Das hat mehr mit Verbesserung der Lebensqualität als mit Lebensstandardsteigerung zu tun. Die Wachstumsagenda der letzten Jahre und Jahrzehnte kommt auf den Prüfstand. Wachstum wird nicht abgelehnt, nur Wachstum ist mehr als nur materieller Wohlstand. Ganz oben stehen in Zukunft zwei G: Geld und Gesundheit, und vier F: Freiheit, Familie, Frieden und Freunde."

Opaschowski hat viele Begriffe kreiert, zum Beispiel "Ichlinge", heute betont er: "Ich sage das Ende der ,Ichlinge‘ voraus. Wenn es heute und in Zukunft noch Egoisten gibt, dann sind das hilfsbereite Egoisten. Das ist ein gesunder Egoismus nach dem Prinzip: Ich helfe dir, aber du hilfst auch mir."

Der Forscher hält seine Prognosen nicht nur für Deutschland oder die EU-Länder für relevant: "Es gibt atemberaubende Übereinstimmungen in aller Welt. Als ich vom neuen Wohlstandsdenken gesprochen habe - im Sinne von: Lebensqualität ist wichtiger als Lebensstandard - und den nationalen Wohlstandsindex veröffentlicht habe, wissen Sie, wer sich als Erster gemeldet hat? Die amtliche Nachrichtenagentur aus China hat gefragt, ob man so etwas auch in China entwickeln kann. In China hat man bisher den Grundsatz vertreten: Wachstum um jeden Preis. Als aber der Smog in Peking einsetzte, setzte auch Unruhe in der Bevölkerung ein, und die Politik muss langsam umdenken. Wachstum hat auf längere Sicht nur Sinn, wenn es den Menschen dabei gut oder im Hinblick auf die nächste Generation besser geht als heute. Diese nächste Generation ist nicht naiv, nicht blauäugig, sie weiß um alle Krisen, und sie sagt dennoch: Ich blicke optimistisch in meine eigene Zukunft, ich will das Beste aus meinem Leben machen."

Zur Person

Horst Opaschowski,

geboren 1941 in Beuthen (Oberschlesien), 1975 bis 2006 Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Hamburg, ist Deutschlands bekanntester Zukunfts- und Freizeitforscher.