Spielen in der Sandkiste trainiert Geist und Körper gleichermaßen. - © fotolia
Spielen in der Sandkiste trainiert Geist und Körper gleichermaßen. - © fotolia

In Restaurants nimmt er immer sein eigenes Plastikbesteck mit, zum Händewaschen benutzt er jedes Mal ein neues Stück Seife. Die Rede ist vom erfolgreichen New Yorker Schriftsteller Melvin Udall - in der US-Komödie "Besser geht’s nicht" von Jack Nicholson verkörpert. Und tatsächlich: Die Angst vor Bakterien und Krankheit scheint in der Bevölkerung groß zu sein. In den meisten Familien kommen ausgesuchte Reinigungsmittel zum Einsatz, um die eigenen vier Wände zu 99,9 Prozent vor Bakterien, Keimen und Viren zu schützen.

So sauber, dass man sich drin spiegeln kann, reicht heutzutage oft nicht mehr aus - Desinfektion ist angesagt. Obwohl wir heute in einer Umgebung leben, die so sauber ist wie nie zuvor.

Badehäuser als Brutstätten


Im Laufe der Geschichte hat sich das Hygieneverständnis - welches Verhalten der Gesundheit zuträglich ist - wesentlich geändert. So gehörten im antiken Griechenland und im Römischen Reich Hygiene und Körperpflege zum normalen Tagesablauf. Gemeinschaftsbäder, Massagen und die Verwendung von Fingerschalen beim Essen waren kein Unikum. Es gab eine ausgeklügelte Wasserver- und Abwasserentsorgung.

Im Mittelalter hingegen verschmutzten die Städte zunehmend. Abfall, Abwasser und die Notdurft wurden einfach auf die Straßen geleert. Die Körperpflege war stark vom gesellschaftlichen Rang abhängig. Mit dem Errichten von Badehäusern und Badstuben wurde die private Hygiene zwar mehr in den Lebensmittelpunkt gerückt. Allerdings spielte dort weniger die Körperpflege als das persönliche Vergnügen eine besondere Rolle.

Nach und nach machte sich als Folgeerscheinung der sexuellen Aktivität die Infektionskrankheit Syphilis breit. In der Renaissance wurde die Schuld - so das damalige Verständnis - dem Wasser zugeschrieben. Es herrschte die Vorstellung, dass es durch die Poren in den Körper eindringt und ihn allen möglichen im Wasser und in der Luft lauernden Gefahren gegenüber wehrlos macht. Damit gab es auch für die Pestepidemien wohl die passende Erklärung. Waschen mit Wasser wurde daher als schädlich angesehen.

Im 19. Jahrhundert wurden dann wieder Abflusssysteme für Abwasser gebaut und damit die Kanalisation vorangetrieben. Die Hygiene nahm wieder einen größeren Stellenwert ein. Einen wesentlichen Schritt voran tat auch der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis. Er behauptete, das Auftreten von Kindbettfieber sei auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurückzuführen. Er wies seine Studenten an, sich vor der Untersuchung der Mütter die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren. Diese Maßnahme senkte die Sterberate immerhin von 12,3 auf 1,3 Prozent.

Weitere bekannte Forscher auf dem Gebiet der Hygiene waren die deutschen Ärzte Johann Peter Frank und Robert Koch sowie der französische Chemiker Louis Pasteur. Nach und nach wurden Impfungen ein Thema. Seit dem 19. Jahrhundert stieg damit auch die Lebenserwartung schneller an.

Stadt- versus Landkinder


Heutzutage wiederum sind einige Krankheiten mitunter übertriebener Hygienemaßnahmen zuzuschreiben. Vor allem bei unserem Nachwuchs wird dies sichtbar. So leiden etwa Stadtkinder 15 Mal häufiger an Allergien als Landkinder. Je intensiver der Stallaufenthalt ist, desto ausgeprägter ist auch der Schutz vor Asthma, wie Studien aufzeigen. "Desinfektionsmittel vernichten die für unser Leben nützlichen Bakterien und können damit das menschliche Immunsystem schwächen, da es ohne Bakterien nicht ausreichend stimuliert wird", schreibt der österreichische Buchautor Manfred F. Berger in seiner Neuerscheinung "Hysterie Hygiene".

Das Immunsystem muss sich demnach entwickeln, es muss trainiert werden, kleinere und größere Infektionen überwinden, um sich stärker auszubilden.

Es gilt, das richtige Maß zwischen klinischer Sauberkeit und g’sundem Dreck zu finden. Kinder benötigen daher auch eine Anleitung, wie man mit Schmutz etwa auf uns, unserer Kleidung und unseren Händen richtig umgeht. Das bayrische Landesjugendamt warnt allerdings: "Es gilt, den Forschungsdrang aus Hygienegründen nicht einzuschränken. Die Vorteile dieses Forschungsdrangs sind für das Kind ungleich größer als die Möglichkeit einer Ansteckung. Natürlich gibt es Grenzen: Mülleimer, Toiletten (...) sind sicher nicht die richtigen Orte für Experimente." Im eigenen Haushalt reichen den Experten zufolge simple Hygienemaßnahmen wie waschen, trocknen und luftig halten völlig aus.

Die Hygiene betrifft aber wiederum sämtliche Bereiche des Lebens und Zusammenlebens. Neben dem Haushalt auch öffentliche Einrichtungen, das Einkaufen, Reisen und vieles mehr. Aufgrund ihrer hohen Kundenfrequenz gehören etwa Supermärkte zu jenen Kontaktpunkten im öffentlichen Raum, wo problemlos Übertragungen stattfinden können, schreibt Berger. Das beginnt mit den Griffen beim Einkaufswagen und endet bei der Bankomatkassa.

Nicht zuletzt haben die steigende Mobilität, der globale Handel, der weltweite Tourismus, risikobereites Verhalten und Impfmüdigkeit zu einem Ansteigen der Gefahr von Ansteckungen vor allem gefährlicher Infektionen geführt. "Wir wohnen immer wieder in Hotels, duschen in fremden Badezimmern, schlafen in fremden Betten und essen an fremden Tischen." Hier passiert ein rascher Austausch von Erregern in neuen Populationen und Territorien, was auch für den Hotellerie- und Gastronomiebereich eine enorme Herausforderung darstellt.