Seattle/Wien. Fortlaufendes Gesundheitsmanagement durch die genaue Beobachtung des eigenen Körpers, damit Krankheiten gar nicht erst entstehen: Das ist die Vision von Leroy Hood, Präsident des Institute for Systems Biology (ISB) in Seattle im US-Bundesstaat Washington. Wissenschafter an seiner privat finanzierten biomedizinischen Forschungseinrichtung sammeln Daten, um zu untersuchen, wie diese Form der vorbeugenden Medizin am besten funktionieren könnte.

Leroy Hood war einst Berater von Craig Venter, der das gesamte menschliche Genom sequenzierte und damit eine Revolution in der Medizin einläutete. Erbgut-Analysen, die Aufschluss geben über genetische Neigungen zu Erkrankungen, wurden dadurch möglich.

Hood startet nun im März eine neunmonatige Pilotstudie, bei der die körperliche Entwicklung von 100 gesunden Individuen intensiv überwacht wird (siehe Grafik). Im Rahmen des "Hundred Person Wellness Project" erhalten die Testpersonen Beratung zu Verhaltensänderungen, die der Gesundheit förderlich sein könnten, etwa bei Ernährung oder Schlafrhythmen. Wenn sie sich die Tipps zu Herzen nehmen, werden die Auswirkungen aufgezeichnet, berichtet das Fachmagazin "Nature".

Allerdings bricht die Untersuchung mit gleich mehreren der für Pilotstudien üblichen Regeln. So gibt es keine Kontrollgruppe, keine Blindstudie und keine Randomisierung. Hood zeigt sich dennoch zuversichtlich, dass er der derzeitigen Reparaturmedizin, die an Symptomen arbeitet, etwas entgegensetzen können wird. "Wir wollen Fallbeispiele entwickeln, die aufzeigen, wie Menschen ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen können. Es gibt viele leicht umsetzbare Möglichkeiten, um Erkrankungen in Schach zu halten", erklärt Hood.

Wenn die Pilotstudie zu aufschlussreichen Erkenntnissen führt, soll sie auf 100.000 Probanden ausgeweitet werden, die über einen Zeitraum von 25 Jahren (eine Generation) gestestet werden. Das ISB finanziert die ersten 100 Probanden über Spenden, pro Person sind 10.000 US-Dollar kalkuliert. Hood geht davon aus, dass eine höhere Anzahl an Probanden aufgrund des Skaleneffekts weniger kosten werden.

Zu Beginn der ersten neun Monaten will ISB das gesamte Genom eines jeden Probanden sequenzieren. In späteren Phasen sollen auch Epigenetik, Methylierung und andere Umwelteinflüsse auf die DNA berücksichtigt werden. Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs der Datensammlung, denn die Forscher wollen noch tiefer blicken. Teilnehmer müssen Geräte tragen, die körperliche Aktivität, Puls und Schlafrhythmen aufzeichnen und diese in das System des Instituts einfüttern. Alle drei Monate entnimmt das ISB Blut-, Speichel-, Urin- und Stuhlproben. Sie messen fünf Biochemikalien in Speichel und Urin und ziehen Gensequenzen des Stuhls, um auf die Mikroben im Darm zu schließen. Cholesterin, Zucker und 20 weitere Faktoren im Blut werden untersucht. Außerdem werden die Proben auf 100 organspezifische Proteine durchleuchtet, die bei Mäusen als Marker für den Übergang von Gesundheit zu Krankheit gelten. Die Probanden, die zumeist in Seattle gemeldet sind und über soziale Medien zur Studie geladen wurden, erhalten Zugang zur ihrer persönlichen "Cloud" an Gesundheitsdaten. Damit könnten sie die diese sogar selbst interpretieren.

Tiefe Einblicke


"Interessant ist die regelmäßige Bewertung der biologischen Marker für den Übergang von Gesundheit zu Krankheit", sagt Graham Colditz von der Washington University School of Medicine. Laufende Lebensstil-Veränderungen könnten jedoch auch den Forschern ein gewisses Ausmaß an Kontrolle nehmen, speziell wenn Probanden eigenmächtige Handlungen setzen zur Verbesserung ihrer Gesundheit. Erfahrungswerte hätten zudem gezeigt, dass gewisse Umstellungen, etwa der Ernährung, neue Krankheiten auslösen können.

Hood entgegnet, dass derzeitige klinische Tests noch weniger Kontrolle erlauben, da diese die Genetik zumeist nicht mitberücksichtigen würden. Im "Hundred Person Wellness Project" sei jeder Proband ein eigenes Experiment: "Wir bekommen sehr genaue Resultate, da wir untersuchen, wie jeder Einzelne reagiert."