Wien. Bisher hat die Medizin Krebserkrankungen organspezifisch verstanden. Doch die Molekularbiologie lässt diese Unterscheidungen verschwinden: Künftig könnte ein Melanom medikamentös so wie ein - genetisch ähnliches - Schilddrüsenkarzinom behandelt werden, und zwar mit größerem Erfolg als bisher, berichteten Wiener Mediziner jüngst beim Symposion "Personalisierte Medizin in der Onkologie" in Wien.

Genetische Veränderungen


Dahinter steht ein Umbruch in der Betrachtungsweise bösartiger Erkrankungen. Es macht keinen entscheidenden Unterschied mehr, ob ein Tumor die Haut befällt oder den Dickdarm. Hauptkriterium sind die genetischen Veränderungen, die das überbordende Zellwachstum, die Resistenz gegenüber Therapien und das Überleben der Krebszellen gewährleisten. "Funktionell aktive Mutationen kennen keine anatomischen Grenzen", betonten die Onkologen Gerald Prager, Markus Raderer und Christoph Zielinski. Etwa würden 43 Prozent der Melanome, 39 Prozent der Papillären Schilddrüsenkarzinome und 25 Prozent der Hodenkarzinome Mutationen im BRAF-Gen aufweisen, sagte Zielinski, Chef der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin. BRAF-Gen-Mutationen würden auf einem bestimmten Signalweg das Zellwachstum antreiben, so wie alle Tumore mit solchen Veränderungen, egal in welchem Organ.

Daraus ergibt sich ein Bild von Tumorerkrankungen, das die Grenzen von medizinischen Fachsparten überschreitet. Herkömmliche Tumorleiden werden plötzlich in viele kleine Untereinheiten zerlegt. So zeigen Melanome an sonnenexponierten Hautstellen zu 59 Prozent BRAF-Gen-Mutationen, solche an nicht-sonnenexponierten Stellen nur zu 23 Prozent solcher Veränderungen - möglicherweise handelt es sich um unterschiedliche Erkrankungen, was neue Diagnosen und Therapien bringt.