Ein Typ-1-Diabetiker ist von regelmäßigen Insulingaben abhängig. - © Stefan Rupp/Westend61/Corbis
Ein Typ-1-Diabetiker ist von regelmäßigen Insulingaben abhängig. - © Stefan Rupp/Westend61/Corbis

Wien. So undurchsichtig wie Diabetes scheint kaum eine andere Volkskrankheit zu sein. In der Erforschung der Krankheitsursache tappen die Forscher nach wie vor ziemlich im Dunkeln, wie Viktor Jörgens, Geschäftsführer der Europäischen Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD), am Dienstag, feststellte. "Wir wollen endlich herausfinden, warum es passieren kann, dass ein junger Mensch Diabetes Typ 1 entwickelt, bei dem der eigene Körper die Inselzellen zerstört", so der deutsche Diabetologe.

Die Inselzellen sind jene Zellen, die in der Bauchspeicheldrüse das die Zuckerkonzentration im Blut kontrollierende Insulin produzieren. Waren es im Jahr 1999 in Österreich noch zwölf Fälle pro 100.000 Kinder, so ist die Zahl jener, die an diesem insulinabhängigen Diabetes erkranken, bis 2007 auf 18 pro 100.000 Kinder angestiegen. Aktuellere Zahlen konnte der Mediziner aufgrund eines nicht vorhandenen offiziellen Registers nicht nennen.

Die größten Fortschritte erwarten sich die Mediziner in den nächsten Jahren von der Genforschung. Neben dem Typ-1-Diabetes dürfte beim sogenannten Alterszucker (Typ 2), an dem bis zu 90 Prozent der Diabetiker leiden, die menschliche Erbanlage eine wesentlich größere Rolle spielen als gedacht.

Bisher war man nämlich davon ausgegangen, dass der vorwiegend mit Übergewicht und einem ungesunden Lebensstil in Verbindung gebrachte Typ 2 ausschließlich auf diese Faktoren zurückzuführen ist. "Wahrscheinlich gibt es keinen Typ 2, sondern einen Korb voller Krankheiten", erklärte Jörgens im Vorfeld der 50. Jahrestagung der EASD, zu der von 15. bis 19. September mehr als 18.000 Teilnehmer in Wien erwartet werden. Die grundsätzliche Veranlagung dürfte in den Genen liegen, wobei ungesunde Lebensstilfaktoren dann die Entstehung der Erkrankung fördern. Denn "warum gibt es dicke Leute, die bekommen nie Diabetes?", fragt sich der Experte.

Im Rahmen der Tagung wird eine Studie präsentiert, die erstmals ein Gen aufzeigt, das rund zehn Prozent der Typ-2-Erkrankungen erklären könnte. Die in Dänemark durchgeführte Untersuchung an Grönländern zeigte, dass in dieser Bevölkerungsgruppe bei Typ 2 häufig ein Gen gestört ist, das etwas mit dem Zuckerabbau im Muskel zu tun hat. Weitere Studien sind nötig.

In der Behandlung bietet die Medizin immer mehr Möglichkeiten. "Noch nie gab es so viele Medikamente, die den Blutzucker senken", betonte Jörgens. Andererseits stellen die Diabetologen erhebliche Probleme bei medizinischen Geräten fest. "Wir brauchen Post-Marketing-Studien für Blutzuckermessgeräte und Insulinpumpen. Niemand weiß, ob sie nach einigen Jahren den Blutzucker noch genau genug messen beziehungsweise die richtige Insulinmenge abgeben." Ein Fehler sei lebensgefährlich. Der Experte fordert regelmäßige Überprüfungen ähnlich einem "Pickerl" ein, um Fehlerquellen frühzeitig entdecken zu können.

Wiewohl sich die Behandlungsmethoden in den letzten Jahren wesentlich verbessert haben, verstirbt in Österreich alle 50 Minuten ein Mensch an den Folgen von Diabetes. Das ergibt jährlich rund 10.000 Todesfälle, legte der Salzburger Diabetologe und Kongressorganisator Raimund Weitgasser Daten vor. Seit dem Jahr 2005 stark abgenommen hat die Zahl der Dialysepatienten sowie jene der mit Diabetes assoziierten Komplikationen wie etwa Erblindung. In Österreich leiden zwischen sechs und acht Prozent der Bevölkerung - rund 600.000 Menschen - an einer Form. Weitgasser erwartet, dass diese Zahl bis zum Jahr 2030 um 30 bis 50 Prozent höher liegen wird.