Kenta hat überlebt: In einigen Ländern hätte der heute Dreijährige keine Chance gehabt. - © Ishii
Kenta hat überlebt: In einigen Ländern hätte der heute Dreijährige keine Chance gehabt. - © Ishii

Gar nichts habe sie gefühlt, direkt nach der Geburt ihres Sohnes Kenta. "Das ist kein Baby, das ist noch ein Embryo", dachte die Japanerin Ayako Ishii, als sie ihn so im Brutkasten liegen sah. Wie viele Extremfrühchen hatte er eine dunkelrote Haut, ein schmales Gesichtchen und zitterte am ganzen Leib. Er wog bei der Geburt nach 23 Wochen nur 500 Gramm. Damit galt der kleine Kenta als Frühgeborener mit extrem niedrigem Geburtsgewicht. Eine normale Schwangerschaft dauert im Durchschnitt 38 bis 40 Wochen; das durchschnittliche Geburtsgewicht liegt in Japan bei etwa 3000 Gramm.

Mit der Zeit stellte sich heraus, dass der inzwischen dreijährige Kenta nicht sehen kann und durch eine Schädigung des Gehirns in seiner Entwicklung verzögert ist. Doch sein Lächeln, wenn er zum Beispiel Musik hört, was er liebt, lässt seine Eltern ihre Sorgen vergessen.


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Dennoch: Für die Eltern, die sich auf ein gesundes Kind gefreut haben, ist eine Frühgeburt ein Schock, vor allem extreme Fälle ab der 22. Woche. Manche sehen sich plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob die Mediziner etwas tun sollen, um ihr Kind zu retten, und wenn ja, wie viel. Denn gerade bei den Kleinsten der Kleinen bleiben bei nicht wenigen körperliche und geistige Schäden zurück, sie bedürfen besonderer Pflege. Manche wiederum wachsen gesund und unbeschwert an. Nur, welcher der beiden Gruppen wird das eigene Kind angehören?

Länderunterschied in Sachen Leben


Für ihren Film "Eine Handvoll Leben" ging die deutsche Regisseurin Antje Christ in Interviews mit Medizinern und Eltern in Europa und Asien der Frage nach, wann Leben beginnt und welche Chancen extrem früh Geborene wie Kenta haben. Wäre Kenta zum Beispiel im Nachbarland China geboren worden, würde er heute wohl nicht als Dreijähriger mit seinen Eltern spielen und mit Begeisterung Musik hören. Denn im Reich der Mitte retten die Ärzte erst Frühchen ab der 28. Woche. Am Mangel an Wissen und Technik liegt es nicht. Dahinter steckt unter anderem ein gesamtgesellschaftlicher Grund, der weltweit zu ethischen Diskussionen darüber führt, ab wann Frühchen aktiv gerettet werden sollten. Denn die Frühchenpflege ist aufwendig und teuer. Ressourcen, die dort eingesetzt werden, häufig mit ungewissem Ausgang, fehlen anderswo.

Auch innerhalb Europas gibt es große Unterschiede. Der Film erzählt unter anderem die Geschichte einer in Frankreich lebenden Mutter, deren Kind zufällig mit 23 Wochen in Deutschland zur Welt kam und dort - anders, als es in Frankreich gewesen wäre - gerettet wurde. Dem deutschen Bundesverband "Das frühgeborene Kind" zufolge gilt die 23. Schwangerschaftswoche als Grenze der Lebensfähigkeit von Frühgeborenen mit medizinischer Hilfe. In Frankreich, den Niederlanden oder der Schweiz hätte der Sohn der Französin nur überlebt, wenn er es aus eigener Kraft geschafft hätte. In den meisten Ländern haben die Mediziner einen gewissen Spielraum darüber zu entscheiden, wie viel sie für die Frühchen tun. Japan hingegen ist das einzige Land, in dem Ärzte per Gesetz verpflichtet sind, alles daranzusetzen, Extremfrühchen bereits mit 22 Wochen zu retten. Ein Stadium, in dem in manchen Ländern noch legal abgetrieben werden darf. In Japan ist das bis zur 21. Woche möglich.

"Die 22. Woche ist wohl das unterste Limit für die Lebensfähigkeit", sagt Professor Shoichi Chida, Leiter der Abteilung für Kinderheilkunde der Medizinischen Universität Iwate. Er gibt zu bedenken, dass sich die Schwangerschaftsdauer nicht hundertprozentig bestimmen lasse. "Wenn die Schwangerschaftsdauer wirklich mit den 22 Wochen richtig berechnet ist, dann haben die Embryos noch geschlossene Augen, die Haut ist unheimlich dünn, und sie sind in vielerlei Hinsicht unterentwickelt. Selbst wenn man sich noch so anstrengt, sie zu retten, ist die Sterberate sehr hoch."

Medizinische Komplikationen


Häufig sind es Hirnblutungen und die noch zu wenig ausgereifte Lunge, die die Mediziner vor Herausforderungen stellen. Noch vor 30 Jahren starb etwa die Hälfte aller zu früh Geborenen am sogenannten Atemnotsyndrom. Einer der bekanntesten Fälle ist der 1963 nur zwei Tage nach seiner Geburt daran verstorbene Sohn Patrick von US-Präsident John F. Kennedy. Damals wurde die Forschung nach den Gründen
verstärkt.

Die amerikanische Ärztin Mary Ellen Avery fand schließlich heraus, warum betroffene Kinder wie Patrick Kennedy zwar ein-, aber nicht ausatmen konnten: Es fehlte ihnen an einer Art Beschichtung der Lunge namens Surfactant. Diese Flüssigkeit bildet sich normalerweise ab der 24. Schwangerschaftswoche. Die Flüssigkeit erhält die Oberflächenspannung von Lungenbläschen aufrecht und ermöglicht damit die Atmung. Erst nach vielen Irrwegen und Rückschlägen in der Forschung gelang es 1980 dem japanischen Kinderarzt Tetsuro Fujiwara, Surfactant aus Rinderlungen erfolgreich zu extrahieren und für den Menschen verwendbar zu machen. Damals bat ihn eine Patientin, die schon sechs Fehlgeburten hinter sich hatte, ihr Kind zu retten. Nach Tests an sich selbst führte er Surfactant in die Lunge des Kindes ein - es überlebte. Es war eine medizinische Sensation. Noch heute werden dank dieses Stoffs rund um die Welt viele tausende Kinder, die nach der Geburt am Atemnotsyndrom leiden, gerettet.