"Wiener Zeitung":Die von Bund und Ländern getragene Österreichische Forschungsgemeinschaft hat Ihnen am Freitag den mit 7500 Euro dotierten Ludwig Wittgenstein-Preis verliehen. Die Auszeichnung wird "höchstens einmal im Jahr" für hervorragende Leistungen einer Persönlichkeit oder für eine wissenschaftliche Leistung von Bedeutung zugesprochen. Wie reifte in Ihnen als Elektroingenieurin die Idee eines Hör-Implantats?

Ingeborg Hochmair-Desoyer: Ich studierte Elektrotechnik an der Technischen Universität Wien, wo mein Mann lehrte. Die Idee für ein Cochlea-Implant kam von Kurt Burian von der Wiener Universitätsklinik, der an uns herantrat, um mit ihm ein Cochleaimplantat zu entwickeln. Im Dezember 1975 begannen wir, im Rahmen von geförderten Forschungsprojekten daran zu arbeiten - das Ganze ist ein
Beispiel für die Hebelwirkung
der Förderung von Grundlagenforschung durch den Wissenschaftsfonds FWF. 1977 setzt Martin Burian das erste mikroelektronische Mehrkanal-Implantat in ein Innenohr ein. Heute ist das Cochleaimplantat lebensverändernd, weil es taub geborenen, ertaubten und schwer hörgeschädigten Personen ermöglicht, zu hören, zu kommunizieren und am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Ein Cochlea-Implantat hat zwei Teile: Außen liegt ein magnetisch haftender Ton-Prozessor. Er verwandelt von einem Mikrofon aufgenommene Geräusche in Signale, die durch die Haut übertragen werden können und von der Elektronik im schneckenförmigen Innenohr aufgenommen werden. - © MED-EL
Ein Cochlea-Implantat hat zwei Teile: Außen liegt ein magnetisch haftender Ton-Prozessor. Er verwandelt von einem Mikrofon aufgenommene Geräusche in Signale, die durch die Haut übertragen werden können und von der Elektronik im schneckenförmigen Innenohr aufgenommen werden. - © MED-EL

Österreichs Innovationskraft fällt gerade deswegen zurück, weil hierzulande zu wenige Forschungsergebnisse zu neuen Produkten werden. Sie aber verkaufen Ihr Produkt in 103 Ländern. Wie haben Sie es geschafft?

Damals gab es noch keine
Programme zur Förderung von Projekten an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung an Instituten und der Entwicklung in Unternehmen mit dem Ziel einer Vertriebsstruktur. Für uns war der Weg zum Markt somit mit hohem Risiko und großem Durchhaltevermögen verbunden. Von der Entwicklung des aktiven elektronischen Implantats bis zur Erstellung des Prototyps ging es noch relativ schnell, aber bis zur Zulassung dauerte es sehr lange. Zuerst wollten wir als Industriepartner die Firma 3M mit ins Boot holen. Doch das wurde kein durchschlagender Erfolg, denn dieses Unternehmen war viel zu groß - wir hätten eine spezialisiertere Firma gebraucht. Dann haben wir uns entschlossen, es selbst und über Banken zu machen: 1990 haben wir die ersten Mitarbeiter eingestellt und ich habe die Geschäftsführung übernommen. Mit viel Glück ist es rasch gewachsen. Heute haben wir 1500 Mitarbeiter und sind ein Privatunternehmen geblieben.