Wien. Der Philosoph Jürgen Mittelstraß gab der "Wiener Zeitung" ein Interview über das Thema "Wahrheit in den Wissenschaften", dem sich ab heute der diesjährige Österreichische Wissenschaftstag auf dem Semmering widmet, und Vorhaben des Wissenschaftsrates.

"Wiener Zeitung":Die Frage stellte schon Pilatus in der Bibel: Was ist Wahrheit? Lässt sich das einfach definieren?

Jürgen Mittelstraß: Nein. Wahrheit hat in der Alltagswelt eine andere Bedeutung als in der Welt der Wissenschaft. In der Lebenswelt haben wir keine Probleme mit dem Ausdruck Wahrheit oder den Begriffen wahr und falsch. Ob es gestern geregnet hat, ist eine einfach zu beantwortende Frage. Schwierig wird es mit der Wahrheit in der wissenschaftlichen Welt.

Welchen Stellenwert hat Wahrheit dort? Kann man nicht mit Wahrheitsanspruch sagen, wie groß die Lichtgeschwindigkeit ist? Oder fangen da die Probleme erst an?

Da fangen die Probleme schon an. Eine schnelle Antwort könnte sein: bis zum Beweis des Gegenteils, insofern nämlich wissenschaftliche Theorien mit einem starken Wahrheitsanspruch auftreten, sich dann aber, mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte, sagen lassen müssen, dass derartige Wahrheitsansprüche oft nicht eingelöst werden können. Das führt dann schnell in die Wissenschaftstheorie. In der Tat ist Wissenschaft auf Wahrheit aus, sie weiß aber auch sehr genau um die Irrtumsanfälligkeit allen Wissens.

Mit dem Begriff der Wahrheit in einem quasi absoluten Sinne ließe sich eine Theorie verstehen, die ihrerseits von keinerlei Bedingungen und Voraussetzungen abhängig ist. Der Wissenschafter und der Philosoph wissen aber, dass eine solche Situation nie gegeben ist. Man kann zum Beispiel sagen: In gewissen Grenzen, nämlich als eine Theorie des Anschauungsraumes, ist die Euklidische Geometrie wahr. Wir orientieren uns im dreidimensionalen Raum, wir orientieren uns mithilfe der Euklidischen Geometrie. Das heißt aber gleichzeitig auch: Dass die Sätze der Euklidischen Geometrie wahr sind, hängt von bestimmten Voraussetzungen ab, in diesem Fall davon, dass wir es mit einer erfahrungsstarken Theorie der räumlichen Lebenswelt zu tun haben. Unter dieser Voraussetzung ist sie wahr. Das ist ganz unspektakulär. Wahr heißt in diesem Fall nur, dass die Abhängigkeitsverhältnisse der Aussage in sich klar und logisch einwandfrei sind.

In welcher Beziehung stehen Wahrheit und Wahrhaftigkeit?

Wahrheit ist, wenn wir uns auf den wissenschaftlichen Gebrauch beziehen, theoretische Wahrheit. Wahrhaftigkeit verlässt die Theorie in Richtung Ethik: "Sei wahrhaftig!" ist etwas anderes als "Äußere nur wahre Sätze!" Wahrhaftigkeit ist
eine ethische oder moralische Tugend, Wahrheit eine theoretische.

Ist einem guten Wissenschafter Wahrhaftigkeit abgefordert?

Oja! Aber genau unter den eben genannten Gesichtspunkten, dass auch Wissenschaft treiben, Forschen ein Handeln ist, das wie jedes Handeln unter ethischen beziehungsweise moralischen Anforderungen steht. In der Wissenschaft heißt es zum Beispiel: Plagiiere nicht, täusche nicht, manipuliere nicht die Daten, mit denen du arbeitest, und dergleichen. Das sind praktische Postulate. Und dafür steht im Allgemeinen Sprachgebrauch, im lebensweltlichen wie im wissenschaftlichen, der Ausdruck Wahrhaftigkeit.

Der Wissenschaftsrat, dessen Vorsitzender Sie sind, hat sich zuletzt kritisch zur "Vermessung der Wissenschaft" geäußert. Warum?

Der Hintergrund ist, dass quantitative Messmethoden in der Wissenschaft rasant zugenommen haben. Jeder von uns hat schon an Prozessen teilgenommen, in denen das Urteil über einen Wissenschafter, zum Beispiel im Bewerbungsfall, danach getroffen wird, wie viel er publiziert hat und wie oft er zitiert wird. Quantitative Methoden beginnen sich an die Stelle qualitativer Methoden zu setzen. Uns lag daran, diese Entwicklung kritisch darzustellen und dann entsprechende Empfehlungen zu formulieren, die darauf hinauslaufen, dass man quantitative Methoden durchaus verwenden sollte, aber nur in Verbindung mit qualitativen Zugängen. Urteilskraft ist gefragt.

Das heißt, wenn etwa ein neuer Albert Einstein so tolle Theorien entwickelt, dass ihn nur wenige verstehen, hätte er kaum Zitierungen, aber ein Mainstream-Forscher bekommt sehr viele und schneidet daher bei jedem Vergleich besser ab?

Diese Gefahr besteht in der Tat, wenn man ihn allein danach beurteilen würde. Übrigens wäre auch Immanuel Kant bei einem solchen Test durchgefallen. Zehn Jahre hat er nichts publiziert und an seiner "Kritik der reinen Vernunft" gearbeitet. Hätte man nach acht, neun Jahren eine Bewerbung Kants an einer Universität zu beurteilen gehabt, wäre er chancenlos gewesen. Sieben, acht Jahre nichts publiziert - ein Skandal! Dazu noch etwas anderes, höchst Problematisches: Unsere gesamte Förderpraxis in der Wissenschaft ist auf publikationsintensive Mainstream-Forschung ausgerichtet; die kann jeder Wissenschafter beurteilen, da ist man auch als Beurteilender stets auf der sicheren Seite.