Die Medizinjournalistin Krista Federspiel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit alternativen Heilmethoden. Im Gespräch mit der Wiener Zeitung erzählt sie über die Werbemechanismen der Esoterik, ihre Gefahren und die Lobbying-Versuche der homöopathischen Industrie.

Krista Federspiel
Krista Federspiel

"Wiener Zeitung": Wie kamen Sie dazu, sich mit Esoterik zu beschäftigen?

Krista Federspiel: Als Medizinjournalistin habe ich mich mit Alternativmedizin beschäftigt und dann festgestellt, je abstruser das Konzept eines Verfahrens ist, desto mehr glauben die Konsumenten daran. Ich bin von der Alternativmedizin zur Psychotherapie gekommen, weil es hier noch nebuloser zugeht und sich noch weniger konkrete Daten fanden. Auf diesem Weg musste ich mich mit Esoterik beschäftigen.

Wieso greifen so viele Menschen auf esoterische Methoden zurück?

Unser Alltag ist undurchsichtig und wir werden mit Nachrichten über Hunger, Verderben, Verbrechen und Krieg regelrecht bombardiert. Jeder von uns gewinnt in dieser Szenerie ein Gefühl von Ohnmacht. In der realen Welt bin ich ein Niemand, der nichts verändern kann. In der esoterischen Welt - in der ein Beleg oder Fakten keine Bedeutung haben, sondern nur die Phantasie - werde ich wieder zum Handelnden. Mit magischen Ritualen kann man scheinbar das Schicksal beeinflussen. Das ist ein ganz wichtiger Grund, warum sich die Esoterik so verbreitet.

Halten Sie Esoterik für gefährlich?

Die Esoterik schaltet das kritische Denken aus. Man muss dem Guru glauben und darf keine Fragen stellen. Das ist die Gefahr der Esoterik. Es geht ausnahmslos um das ICH, die eigene Person. Solidarität und Empathie spielen keine Rolle mehr. Das ICH rückt in den Mittelpunkt und alles andere wird unwichtig. Man engagiert sich nicht für gesellschaftspolitische Fragen. Solche Gedanken werden in der esoterischen Szene ausgeblendet. Sie wirkt nicht gemeinschaftsbildend.

Trotzdem schließen sich ihre Anhänger in fast religiösen Gruppen zusammen.

Es gibt Gruppen aber keine solidarische Gemeinschaft. Es ist eher ein Zwang. Die Gefahr ist - wenn man in diese Vorstellungswelt eintritt - immer weiter hinein zu rutschen, ohne zu merken, den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Die Anbieter arbeiten mit raffinierten Methoden der Verführung. Man wird zu einem Event in einem Hotel eingeladen, wo verschiedene Mittel, wie Engelsessenzen, verkauft und "Wege zum Licht" versprochen werden. Es wird eine Gemeinschaft vorgespielt. Wenn man dann noch ein Buch kauft oder noch einen Kurs bucht, tritt man immer weiter in die Gedankenwelt dieser Menschen ein. Das entwickelt sich zum Gruppendruck. Man muss weiter machen um ein höheres Bewusstseinsstadium zu erreichen. Wenn man sich in solchen Vorstellungen verrannt hat, ist es wahnsinnig schwierig wieder auszusteigen. Es wurde schon zu viel investiert, um es einfach wieder aufzugeben. Oft verlieren die Menschen dann die Beziehung zur normalen Umwelt. Partnerschaften lösen sich auf, viele werden arbeitslos. Diese Menschen driften ab. Angehörige melden sich dann oft verzweifelt bei der Sektenberatungsstelle.

Das ist die Extrementwicklung, aber ist die Esoterik nicht längst im Mainstream, im Alltag angekommen?

Ja, ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vor 25 Jahren, bei meiner Recherche zu dem Buch "Die andere Medizin", gab es ein einziges Institut, in Freiburg, das für die angebliche Heilmethode "Kinesiologie" warb. Heutzutage finden sie Bücher zur Kinesiologie und ihren Varianten in jeder Buchhandlungsauslage. Solche Methoden verbreiten sich nach dem Schneeballsystem. Laien unterrichten Laien, die wiederum andere Laien unterrichten. Kinesiologie beruht auf dem Muskeltest. Ich halte ein Lebensmittel oder ein Medikament in der Hand. Den anderen Arm muss ich weg strecken und der Behandler drückt auf diesen. Je nach Muskelwiderstand schließt er auf die Allergien gegen das Lebensmittel oder die Eignung des Medikaments zur Behandlung meiner Beschwerden. So wird diagnostiziert und so wird therapiert. Der Muskeltest soll aussagen, was man hat und was dagegen wirkt. Der Körper lügt angeblich nicht. Bücher mit solch esoterischem Inhalt sind der einzige wachsende Sektor des Ratgebermarktes. Bis 2012 ist der Umsatz des gesamten spirituellen Marktes in Deutschland auf 30 Milliarden angewachsen. Man nimmt an, dass er noch auf 35 Milliarden wachsen wird. Spirituelle Angebote gibt es in so vielen verschiedenen Bereichen. Handauflegen und Reiki kann man an Volkshochschulen lernen, in Apotheken wird einem automatisch "etwas Homöopathisches" angeboten. Belebtes Wasser wird teuer verkauft. Esoterisches ist vollkommen in der Gesellschaft etabliert.

Aber passen esoterische und spirituelle Methoden noch in unsere hochtechnologisierte Welt?

Die Esoterik passt genau in unsere Gesellschaft. Heutzutage ist das Wichtigste, das ICH zu optimieren. ICH muss ins Fitness-Studio gehen, damit mein Körper fit ist, dann muss er operiert werden, damit er dem Schönheitsideal möglichst nahe kommt. ICH muss eine Diät machen, um schlank zu bleiben. Das ICH steht absolut im Mittelpunkt aller Gedanken. Der Körper und seine Gesundheit sind derzeit nahezu religiöse Projektionsflächen. Auch die Esoterik stellt das ICH in den Vordergrund. ICH muss eine höhere Stufe des Bewusstseins erreichen. ICH kann auswählen, aus einer Palette von Ideen, die MICH ansprechen. Esoterische Ideen spiegeln die Gesellschaft und waren zugleich immer eine Gegenbewegung zur rationalen Welt, in der bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigt werden.

Oft baut die Esoterik wissenschaftliche Begriffe in ihre Argumentation ein. Wird die Esoterik verwissenschaftlicht?

An sich ist die Szene wissenschaftsfeindlich. Aber es tauchen gängige physikalische Begriffe wie Felder, Schwingungen, Energie, Kraft oder Quanten in esoterischen Angeboten auf. Sie werden allerdings als Metaphern. Kein Mensch in der allgemeinen Bevölkerung weiß was Quanten sind. So geheimnisvolle Reizwörter kann man wunderbar verwenden. Sie haben etwas Numinoses. Und in der Esoterik geht es um das Numinose. Das zieht die Menschen an.

Kommen wir zur wohl bekanntesten alternativmedizinischen Methode, der Homöopathie.

Der Grundgedanke der Homöopathie ist, das ein Wirkstoff mehr wirkt, je mehr er verdünnt wird. Das ist einfach Schwachsinn. Aber es wird das Gegenteil behauptet. Es heißt dann nicht mehr Verdünnung sondern Potenzierung. Die Säulen der Homöopathie widersprechen allen chemischen, physikalischen und medizinischen Erkenntnissen unserer Zeit. Trotzdem haben 60 bis 75 Prozent der Österreicher Homöopathie schon ausprobiert. Wenn sie heute in eine Apotheke gehen und etwas gegen Schnupfen wollen, dann ist das erste Mittel, das sie bekommen ein homöopathisches. Man muss sich regelrecht dagegen wehren.

Warum sagen dann so viele Konsumenten, dass es ihnen gut tut?

Man muss hinterfragen, was mit diesem Heilsystem mittransportiert wird. Homöopathie sei natürlich, es sei eine Pflanzenmedizin und es hätte keinerlei Nebenwirkungen. In einer Zeit, in der man kritischer mit Chemikalien umgeht, entstehen Ängste vor ihren Nebenwirkungen. "Die böse Chemie" ist der allgemeine Tenor. Wenn man jemanden verspricht, dass es keine Nebenwirkungen gibt und dass das Mittel nicht chemisch ist, verführt das schon sehr. Außerdem hilft das gesamte Ritual. Homöopathen nehmen sich Zeit, und die Patienten fühlen sich ernst genommen. Jede medizinische Behandlung ist mit Ritualen verbunden, die heilsam sind. Beim Arzt ist es der weiße Kittel oder der Rezeptblock. Bei der Homöopathie nimmt man eine bestimmte Anzahl von Globuli in einem bestimmten Rhythmus ein. Auch die Erwartung ist heilsam. Verspricht ein Arzt, dass sein Arzneimittel, das in Wirklichkeit gar keinen Wirkstoff enthält, gegen Schmerzen wirken wird, erzeugt der Körper des Patienten, der dieses Scheinmittel einnimmt, körpereigene Schmerzmittel. So haben alle Plazebos sogar messbare biologische Veränderungen zur Folge. Homöopathie mit ihren Versprechungen ist ein ideales Plazebo.

Aber wenn es den Menschen hilft, ist es doch zu befürworten?

Nein, weil ich Homöopathie für gefährlich halte. Mit Homöopathie kann man Unwohlsein oder leichte Beschwerden lindern, denn die gehen nach einiger Zeit ohnehin von selbst zurück, aber keine Krankheiten. In Österreich dürfen homöopathische Medikamente nur von Ärzten verabreicht werden. Trotzdem sind unter diesen akademisch ausgebildeten Medizinern Leute, die ihre Grenzen nicht kennen und Krankheiten mit Homöopathika behanden. Man kann ein Kind mit Lungenentzündung nicht mit Globuli heilen. Hier werden Menschen notwendige, wirksame Behandlungen vorenthalten.

Wie erklären Sie sich die Erfolgsgeschichte der Homöopathie?

Mit Marketing. Bei der Homöopathie ist das Marketing ausgefeilt, wie es besser nicht sein könnte. Das beginnt beim Erfinder, bei Hahnemann vor 200 Jahren und geht bis in die Gegenwart. Massiv wird Lobbying betrieben. Es werden Seminare für Apotheker organisiert und Politiker zu Produktionsstätten eingeladen. Homöopathen haben Büros in der EU, versuchen bei der EMEA (Europäische Arzneimittel-Agentur) Lobbying zu betreiben. Hersteller von Homöopathika haben einen Journalisten bezahlt, um Kritiker zu diffamieren, Homöopathen decken Kritiker mit Gerichtsverfahren ein, um sie mundtot zu machen.

Die Esoterik ist ein weit gefasster Begriff. Zählen sie alternative Heilmethoden wie die TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) zur Esoterik?

TCM ist eine historisch gewachsene Medizin, die adaptiert wurde, damit sie in den Westen exportiert werden konnte. Chinesische Arzneimittel bestehen aus bis zu 25 Zutaten, das sind überwiegend pflanzliche Teile, aber auch tierische Produkte. Ein Beispiel: In dieser Medizin wird als Ursache mancher Krankheiten der Wind angesehen. Für Windkrankheiten werden pulverisierte Libellenflügel zugesetzt. Solche Vorstellungen von Analogien haben schon viele Tiere vom Aussterben bedroht. Rheumatikern werden z.B. Tigerknochen verschrieben. Mit ein Grund, warum die Tiere so dezimiert wurden. Der kräftige Tiger soll die Knochenprobleme der Menschen lösen. Das Nashorn wurde beinahe ausgerottet, weil das Horn angeblich die Potenz der Männer steigert. Der magische Anteil in der chinesischen Medizin ist sehr groß. Bei uns im Westen werden bei den Arzneien etwa 80 Prozent pflanzliche Teile verwendet. Der Rest sind Tierprodukte. Das wissen aber die wenigsten Konsumenten.

Also ist TCM medizinisch gesehen Unsinn?

So einfach ist es nicht. Dieses System hat Methoden entwickelt, die sehr gut sind. So ist es etwa die Tuina-Massage bei vielen Indikatoren wirksam. Manche chinesischen Arzneimittel enthalten durchaus Wirkfaktoren. Aber welcher der vielen Inhaltsstoffe tatsächlich wirkt oder vielleicht gar gefährlich ist, kann bei 25 Zutaten sehr schwer erforscht werden.

Für wie wirksam halten Sie die Akupunktur?

Die Akupunktur war in ihrem Ursprung ein magisches Kalenderritual. Mit Steinen wurde die Haut an 365 Stellen angeritzt. In der Akupunktur gibt es auch die 12 Hauptmeridiane, entsprechend den 12 Monaten. Akupunktur ist heute das meist untersuchte Alternativverfahren. Die meisten Studien allerdings mit fragwürdiger Qualität. Belegt ist, dass Akupunktur bei verschiedenen chronischen Schmerzsyndromen hilft, sowie bei Übelkeit. Neuere Studien zeigen, dass Scheinakupunktur den gleichen Erfolg hat. Hier wird ein Apparat aufgesetzt, bei dem der Patient nur das Gefühl hat, dass eine Nadel in die Haut eindringt. Aber auch stechen der Haut an Nicht-Akupunktur-Punkten hat ähnlichen Erfolg. Es handelt sich wohl um ein sehr suggestives Verfahren.