Koran-Ausgaben werden immer wieder verteilt, doch das Buch ist schwer übersetzbar. - © mozi/Wiener Zeitung
Koran-Ausgaben werden immer wieder verteilt, doch das Buch ist schwer übersetzbar. - © mozi/Wiener Zeitung

Wien. Am neuen Islamgesetz wird einiges kritisiert. So hält der Wiener Iranist Bert G. Fragner nichts davon, wenn eine von den islamischen Organisationen anerkannte Koranübersetzung gefordert wird, quasi "zu Informationszwecken einer kontrollsinnigen und auskunftssammelnden österreichischen Behörde, die in diesem Punkt ihre Metternich’sche Traditionsfolklore nicht verleugnen kann". Bereits die schon in früher muslimischer Zeit gemachten ernsthaften Versuche, den Koran "eins zu eins" ins Persische zu übertragen, hätten, so Fragner keinen echten Erfolg gehabt. "Die es wirklich wissen wollten, sind bis heute um die Erlernung des Arabischen nicht herumgekommen."

Fragner sprach am Mittwoch im Rahmen des Symposions "Geisteswissenschaften und Offenbarung" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien. Dabei handelte es sich um die bereits dritte Veranstaltung im Rahmen der "Maimonides Lectures", die im Geist des 1135 im spanischen Cordoba geborenen Gelehrten Mosche ben Maimon Wechselwirkungen zwischen den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und den Geisteswissenschaften thematisieren.

Der Wiener Philosoph Hans-Dieter Klein, Organisator der Veranstaltung, stellte die Frage nach der Existenz Gottes - sie sei Voraussetzung dafür, dass man sinnvoll von Offenbarung reden könne - ins Zentrum seiner Ausführungen. Sein Fazit: Der Gegensatz von Existenz und Nichtexistenz gelte nur für beschränkte Wesen, nicht für das Unbeschränkte, also auch nicht für Gott. Gott könne nur in Analogien beziehungsweise bildhafter Sprache angesprochen werden. Dies aber sei vielfältig möglich, deshalb hätten mehrere gleichberechtigte religiöse Traditionen ihre Legitimität.

Während der Islam offenbar den Koran zu hundert Prozent als göttlichen Text betrachtet, gilt die Bibel der römisch-katholischen Kirche heute als "Gotteswort in Menschenwort". Wie der Wiener Bibelwissenschafter Martin Stowasser erläuterte, wird Gott zwar als Urheber angesehen, doch die Verfasser der Heiligen Schrift seien Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund gewesen, denen in profanen Fragen durchaus zeitbedingte Fehler unterlaufen konnten. Diese Sicht setzte sich freilich in der Kirche erst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) durch, noch im späten 19. Jahrhundert hatte Papst Leo XIII. die Bibel als absolut frei von Irrtümern bezeichnet.

Ein Beispiel dafür, wie biblische Erzählung und historische Fakten zwar nicht ganz auseinanderklaffen, aber auch sicher nicht wörtlich übereinstimmen, lieferte der Wiener Ägyptologe Manfred Bietak. Beim Exodus der Israeliten aus Ägypten habe es sich, da das Volk Israel erst im Entstehen begriffen war, wohl nur um die möglicherweise in Etappen erfolgte Flucht mehrerer kleiner Gruppen gehandelt. Belegt seien freilich in einer bestimmten ägyptischen Region nahe dem Pharaonenhof aus dieser Zeit stammende semitische Ortsnamen und auch Häuser in jener Bauweise, die man aus der gleichen Zeit im später von den Israeliten besiedelten Land Kanaan gefunden hat.

Vor einigen Jahren habe man die Orientalistik als "Orchideenfach" abgetan, meinte "Furche"-Herausgeber Heinz Nußbaumer als Moderator der Veranstaltung, doch heute sei ihre aktuelle Bedeutung offenkundig. Der Wiener Byzantinist Johannes Koder wies auf Begegnungsorte zwischen Christen und Muslimen im Mittelalter hin - es waren nur wenige.

Forschung mit Tiefenschärfe


Die Frage, wie Religionen sozial und politisch wirksam wurden, steht im Zentrum des Projekts "Visions of Community" (Viscom). Diese internationale Großstudie wird vom Forschungsfonds FWF als einziger Spezialforschungsbereich (SFB) Österreichs im Feld der Humanwissenschaften weiter bewilligt und startet im März mit einem Budget von rund 2,7 Millionen Euro in die vierjährige Verlängerung. Die beiden federführenden Forscher leiten ÖAW-Institute, Andre Gingrich das für Sozialanthropologie, Walter Pohl jenes für Mittelalterforschung. Ihr Projekt will laut ihrer Aussage "die Rolle von Religionen bei der Herausbildung von Identitäten und Gemeinschaftsformen mit mehr Tiefenschärfe verstehen".