Die rosa Pille steigert die vor allem in den Wechseljahren schwindende weibliche Libido. - © ap/Allen Breed
Die rosa Pille steigert die vor allem in den Wechseljahren schwindende weibliche Libido. - © ap/Allen Breed

Wien/Washington. (gral) Die blaue Potenzpille Viagra bekommt aller Voraussicht nach demnächst Gesellschaft - von der rosa gefärbten Lustpille Flibanserin. Die Anwendergruppen sind klischeehaft schon rein farblich klar zu erkennen. Doch sollte es 17 Jahre dauern, bis auch die Frauen sexualmedizinisch von einem Medikament profitieren könnten. Den Weg zur Zulassung hat Donnerstag Nacht ein Expertengremium der US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) mit einer entsprechenden Empfehlung geebnet.

In den Jahren 2010 und 2013 war das "Pink Viagra", wie es auch genannt wird, in den USA noch durchgefallen. Damals hatte bei der Entscheidungsfindung die Sorge um Nebenwirkungen wie Müdigkeit, niedrigen Blutdruck und Schwindelanfälle überwogen. 2010 war auch jener Zeitpunkt, an dem der ursprüngliche Hersteller, der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, von dem Mittel Abstand genommen und es schließlich dem kleinen US-Unternehmen Sprout Pharmaceuticals verkauft hatte. Dessen weiterführende Forschungen scheinen nun von Erfolg gekrönt zu sein.

Antidepressivum gibt Gas


Konzipiert war Flibanserin zunächst als Antidepressivum, bis Frauen in den klinischen Tests von einem verstärkten Lustempfinden berichteten. Das Mittel wirkt im Gegensatz zu Viagra nicht im Blut, sondern im Gehirn. Es senkt den Spiegel des lusthemmenden Hormons Serotonin und hebt im Gegenzug die Konzentration des Glückshormons Dopamin und Noradrenalin. Beide können die weibliche Libido steigern, die häufig in den Wechseljahren nachlässt. Viagra verhilft Männern hingegen lediglich rein körperlich zu einer Erektion.

Bei der Anhörung schilderten einige Frauen ihre Erfahrungen aus der Testphase. "Alles, was ich weiß, ist, dass Flibanserin - jede Nacht eingenommen - für mich und meine Ehe funktioniert hat", erklärte etwa Amanda Parrish. "Für mich war der Effekt nicht bescheiden, sondern bedeutend." Das Mittel habe ihre Ehe gerettet.

Vor der nunmehr vorgelegten Empfehlung hatte ein Zusammenschluss von Frauenverbänden in einer breiten Kampagne geklagt, dass die FDA bereits 26 Medikamente für sexuelle Funktionsstörungen bei Männern freigegeben habe, aber kein einziges für Frauen. Die von Sprout unterstützte Gruppe "Even the score" sammelte mit einer Petition mehr als 60.000 Unterschriften. Darin heißt es: "Glaubt ihr, dass Frauen gleichberechtigte Behandlung verdienen, wenn es um Sex geht?"

Die Sorgen um die Nebenwirkungen blieben aber auch in der FDA-Kommission nicht unbeachtet. So wurde die Empfehlung an eine Reihe von Bedingungen geknüpft, mit denen die Risiken von Flibanserin unter Kontrolle gehalten werden sollen. Doch für die Mehrzahl der Sachverständigen - 18 stimmten dafür, sechs dagegen - überwog der Nutzen für Frauen. Medizinischen Studien zufolge klagen immerhin mindestens 40 Prozent der Frauen über mangelnde sexuelle Lust.

Milliardenumsätze


Für Sprout Pharmaceuticals selbst könnte die Empfehlung einen finanziellen Durchbruch bedeuten. Ein Blick auf den Viagra erzeugenden Pharmakonzern Pfizer zeigt, dass die blaue Potenzpille zumindest 15 Jahre lang Milliardenumsätze einbrachte. Denn seit vor zwei Jahren der Patentschutz ausgelaufen ist, dürfen auch andere Hersteller den Wirkstoff auf den Markt bringen. Der Handel mit der Potenzpille floriert aber insgesamt weiter. Da die Krankenkasse Viagra als Lifestyleprodukt deklariert, sind die Kosten dafür allerdings von den Anwendern selbst zu tragen. Bei Flibanserin dürfte es dann wohl kaum anders sein.

Noch hat die US-Behörde keine endgültige Entscheidung getroffen, aber zumeist folgt sie der Empfehlung der Kommission. Damit hätten allerdings vorerst nur amerikanische Frauen Zugang zur rosa Pille. In Europa ist das Mittel bislang nicht zugelassen. Bei einem entsprechenden Antrag müsste die Europäische Arzneimittelbehörde EMA eine Entscheidung treffen.