Der Blutbefund zeigt eine detailreiche Auflistung, wenn es um das Cholesterin geht. - © Corbis/Andrew Brookes
Der Blutbefund zeigt eine detailreiche Auflistung, wenn es um das Cholesterin geht. - © Corbis/Andrew Brookes

Wien. (gral/apa) Statine sind nicht unumstritten. Dennoch sind die Lipidsenker bisher Goldstandard in der Behandlung von zu hohem Cholesterin. Nun scheint aber Bewegung in die Therapie von Fettstoffwechselstörungen zu kommen, berichtete Kurt Derfler, Stoffwechselexperte an der Medizin-Universität Wien, im Rahmen eines Hintergrundgesprächs.

Ziel aller Wirkstoffe ist, die gestörten Blutfettwerte in Balance zu bringen. Denn bei einer Fettstoffwechselstörung ist die Zusammensetzung der qualitativen und/oder quantitativen Lipide - Cholesterin und Triglyceride - verändert. Vor allem fördert ein zu hoher LDL-Wert die Entstehung von Atherosklerose (Arterienverkalkung). Befinden sich nämlich zu viele Lipoproteine im Blut, dringen diese vermehrt in die Gefäßwände ein und rufen dort Entzündungsreaktionen hervor, die zur Verkalkung führen. Die Folge ist etwa Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit oder Schlaganfall.

Risikoreduktion

"Es gibt viele Ursachen für eine Störung im Fettstoffwechsel: Neben verschiedenen Erkrankungen, die den Stoffwechsel von Lipiden im Blutplasma beeinflussen, sind es vor allem durch den westlichen Lebensstil bedingte, erworbene Fettstoffwechselstörungen, die ein epidemisches Ausmaß erreichen", erklärte der Atheroskleroseforscher Helmut Sinzinger. Ein Zuviel an tierischem Fett lasse das "schlechte" LDL-Cholesterin ansteigen und das "gute" HDL-Cholesterin im Blut absinken. Gesellen sich dazu noch eine Störung des Glukosestoffwechsels (Insulinresistenz), Bluthochdruck und Übergewicht, führt dies zum sogenannten "Metabolischen Syndrom".

Studien mit zehntausenden Patienten würden zeigen, dass die medikamentöse LDL-Senkung schnell und stark zu einer Verringerung des Risikos führt. Eine Untergrenze für verträgliche LDL-Spiegel gibt es aber offenbar nicht. Neue Behandlungskonzepte erlauben die Absenkung auf sogar unter 50 Milligramm LDL-Blutfett pro Deziliter. Das entspricht dem Wert von Neugeborenen. Die Ernährungs-, Rauch- und Bewegungsgewohnheiten spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle.

Bisher unterschätzt wurde den Experten zufolge die Familiäre Hypercholesterinämie. Dabei handelt es sich um einen vererbten Gendefekt, durch den das "schlechte" LDL nicht mehr ausreichend durch die Leberrezeptoren aus dem Blut gefiltert werden kann. In der heterozygoten Form (durch einen Elternteil vererbt) erfolgt die klinische Manifestation der Erkrankung meist um das 40. bis 50. Lebensjahr, in der homozygoten (durch beide Elternteile vererbt) manchmal sogar schon um das fünfte Lebensjahr, berichtete Sinzinger.

Die einzelnen Wirkstoffe zur Behandlung greifen an den unterschiedlichsten Stellen. So können etwa LDL-Rezeptoren stimuliert, die körpereigene Synthese oder die Aufnahme von Cholesterin aus der Nahrung im Darm eingeschränkt, die Verstoffwechselung triglyceridereicher Lipoproteine verbessert, der Zustrom freier Fettsäuren aus dem Fettgewebe zur Leber verringert oder der Transfer von Cholesterinestern zwischen den unterschiedlichen Lipoprotein-Fraktionen reduziert werden, erklärte Derfler.

"Von den neuen Substanzen ist zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich die Substanzgruppe der PCSK-9 Hemmer, es handelt sich dabei um biotechnologisch hergestellte monoklonale Antikörper, am interessantesten", betonte der Mediziner. In neuesten Studien kam es bei den Wirkstoffen Alirocumab und Evolocumab zu einer Reduktion des LDL-Spiegels um knapp über 60 Prozent. In näherer Zukunft werden vermutlich auch die ersten CETP-Hemmstoffe zugelassen. Sie blockieren das durch das CETP-Enzym funktionierende Übertragen von Cholesterin auf LDL-Partikel. In einer in "Lancet" erschienenen Wirksamkeitsstudie kam es zu einer Reduktion von 40 Prozent.

Immer wieder wird allerdings auch Kritik an einer solch radikalen Senkung laut. Von "Cholesterinlüge" ist zu lesen. Dass ein einzelner Faktor für den Herztod verantwortlich ist, ist vermutlich unwahrscheinlich. Doch in der Summe aller ungünstigen Bedingungen und auch individuell genetischen Voraussetzungen trägt wohl das Cholesterin, wie Forschungen zeigen, keinen unerheblichen Anteil.