"Wiener Zeitung": Herr Professor Gössinger, wie viele Österreicher leiden an Herzrhythmusstörungen?

Heinz Gössinger: Wenn man die gelegentlichen Extraschläge dazuzählt, hat jeder zweite Herzgesunde manchmal Unregelmäßigkeiten, aber nur ein kleiner Teil bedarf wirklich einer speziellen Therapie. Die häufigste Rhythmusstörung mit gravierenden Folgen ist das Vorhofflimmern, davon sind weit über 100.000 Österreicher betroffen.

Wie weit lassen sich die gravierenden Fälle in den Griff bekommen?

Um Vorhofflimmern zu vermeiden, rät der Kardiologe, man führt ein aktives Leben, macht Bewegung, verhindert Fettleibigkeit und Zuckerkrankheit, kontrolliert die Blutfette und bemüht sich um einen optimalen Blutdruck.
Um Vorhofflimmern zu vermeiden, rät der Kardiologe, man führt ein aktives Leben, macht Bewegung, verhindert Fettleibigkeit und Zuckerkrankheit, kontrolliert die Blutfette und bemüht sich um einen optimalen Blutdruck.

Man kann versuchen den Patienten kausal zu helfen, also die Ursache zu beseitigen. Dann gibt es die medikamentöse Schiene, die üblicherweise nur eine limitierte Erfolgsrate hat, wobei die Antiarrhythmika in einem kleinen Prozentsatz auch gravierende Nebenwirkungen haben können. Und es gibt die Katheterablation, deren Erfolgsrate sehr davon abhängt, welche Art Rhythmusstörung man damit behandelt.

Stichwort kausale Hilfe: Kennt man immer die Ursachen?

Nein, aber es gibt Ursachen, die behebbar sind. Abgesehen von Bluthochdruck, Schlafapnoe und seltenen Durchblutungsstörungen sind das bei uns auch infektiöse Ursachen, und da in erster Linie die Borreliose, die mit Antibiotika gut zu behandeln ist.

Kann Alkohol eine Ursache sein?

Wenn man nach Alkohol Rhythmusstörungen bekommt, meist Vorhofflimmern, so ist es nicht der Alkohol allein. Es gibt Menschen, die in jungen Jahren nach dem ersten Rausch mit Vorhofflimmern aufwachen, und es gibt andere, die ihr Leben lang trinken und kein Vorhofflimmern entwickeln. Die Erklärung dafür sind wahrscheinlich Genpolymorphismen, die uns nahe am Vorhofflimmern oder weit weg davon auf die Welt kommen lassen.

Also ist die genetische Disposition entscheidend?

Sie ist ein wesentlicher Punkt, der zunehmend Bedeutung bekommt. Wenn der Vater Vorhofflimmern hat, ist das Vorhofflimmerrisiko des Sohnes 50 Prozent über der Normalbevölkerung. Darüber hinaus spielen auch ganz andere Faktoren eine Rolle. Heute wird Vorhofflimmern immer häufiger, parallel erleben wir die Zunahme der Fettleibigkeit in unserer Bevölkerung. Das ist in Amerika noch dramatischer als bei uns. Die Konsequenz daraus ist, dass man versucht hat, aus Lebensstiländerungen therapeutischen Nutzen zu ziehen. Und das gelingt. In Australien sind Patienten mit Vorhofflimmern nicht in die Rhythmusambulanz gegangen, sondern in die Stoffwechselambulanz. Patienten, bei denen eine Gewichtsreduktion und eine Einstellung der Blutfette, des Blutdrucks und des Diabetes gelingt, haben massiv weniger Vorhofflimmern als die, bei denen das nicht gelingt.

Warum ist Vorhofflimmern so gefährlich?

Weil die Schlaganfallhäufigkeit zunimmt. Man sagt, jeder zweite bis vierte Schlaganfall in Österreich ist mit Vorhofflimmern assoziiert. Bei Patienten, die überhaupt keinen Risikofaktor, aber einen Schlaganfall haben, entdeckt man durch langes EKG-Überprüfen, dass diese Patienten zu 20 bis 30 Prozent Vorhofflimmern haben. Die Schwierigkeit der Diagnostik in diesen Fällen rührt daher, dass zeitlich gesehen die Schlaganfälle nicht direkt mit dem Vorhofflimmern assoziiert sind. Meist liegen Wochen dazwischen. Wobei das Schlaganfallrisiko bei Patienten mit anhaltendem Vorhofflimmern etwas höher ist als bei Patienten mit vorübergehendem. Es liegt aber nicht nur am Vorhofflimmern, sondern an zusätzlichen Risikofaktoren, die die Neigung zum Schlaganfall erst deutlich erhöhen - wie hoher Blutdruck, Alter über 65, weibliches Geschlecht, Diabetes, Herzschwäche.

Ist Vorhofflimmern heilbar?

Wenn man es einmal hat, verliert man die Neigung dazu nicht, im Gegenteil: Es wird mehr und länger. Medikamente können das Vorhofflimmern im günstigsten Fall vorübergehend unterdrücken. Die einzige Maßnahme, die eine höhere Erfolgsrate hat, ist die Katheterablation, wobei auch da eine lebenslange Heilung eher die Ausnahme als die Regel ist. Üblicherweise gelingt es, die Patienten für Jahre oder länger anfallsfrei zu halten, aber es gibt eine jährliche Rückfallsrate, die über die Zeit nicht kleiner wird.

Wie häufig treten bei der Ablation Nebenwirkungen auf?

In der Regel sagt man: Die Komplikationsrate liegt bei drei oder vier Prozent. Die große Masse der Komplikationen sind Blutergüsse an den Punktionsstellen, was mit der heftigen Blutverdünnung zu tun hat. Schwere Komplikationen sind Blutungen in den Herzbeuteln, das kann bei bis zu einem Prozent der Prozeduren vorkommen.

Auch Todesfälle treten auf. Die Raten, die dabei angegeben werden, sind sehr unterschiedlich. Nimmt man freiwillige Meldungen im Rahmen weltweiter Registraturen her, so ist die Mortalitätsrate von solchen Prozeduren oder deren Folgen einer von 1200 bis einer von 2000. Es gibt aber auch eine komplett andere Information. Die amerikanische Medicare Versicherung hat vorigen Herbst die amerikanischen Zahlen von 2000 bis 2010 dargestellt. Und in Amerika hat einer von 200 Patienten, die ein amerikanisches Krankenhaus für eine Katheterablation betreten haben, es nicht mehr lebend verlassen.

Das liegt vor allem an der Organisationsstruktur in den USA. In den USA werden Ablationen oft von niedergelassenen Kardiologen oder Elektrophysiologen durchgeführt - mit einer Rate von 10 bis 20 Patienten pro Jahr. Und man weiß, dass man wesentlich mehr Patienten pro Jahr behandeln muss, um eine möglichst niedrige Komplikationsrate zu haben. Wir haben Gott sei Dank in den letzten 16 Jahren keinen Toten gehabt.