Im Gehirn freigesetztes Serotonin wandert durch das Rückenmark hinunter. - © TriFocal Communications/Stocktrek Images/Corbis
Im Gehirn freigesetztes Serotonin wandert durch das Rückenmark hinunter. - © TriFocal Communications/Stocktrek Images/Corbis

Wien. (ski) Depressionen und Angststörungen sind die häufigsten psychiatrischen Erkrankungen. In Österreich leiden laut einer Statistik vom Frühjahr 2015 akut rund 400.000 Menschen an Depressionen. Im Laufe ihres Lebens macht jede vierte Person eine depressive Episode durch.

Mit Hilfe der molekularen Bildgebung des Gehirns durch die Positronen-Emissionstomographie (PET) konnten in den vergangenen Jahren entscheidende Mechanismen bei der Entstehung und Therapie dieser Erkrankungen aufgeklärt werden, insbesondere im Zusammenhang mit dem serotonergen Neurotransmittersystem. Serotonerge - den Neurotransmitter Serotonin produzierende beziehungsweise ausschüttende - Vorgänge spielen die entscheidende Rolle. Es ist bereits 30 Jahre her, seit die dabei eingesetzten Medikamente (SSRIs) entwickelt worden sind. Zum Jubiläum hat ein Team der Medizin-Uni Wien, geleitet von Siegfried Kasper, dem Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, im Top-Journal "The Lancet Psychiatry" den Ist-Stand der weltweiten Forschungen zusammengefasst.

"Als wir vor 30 Jahren mit der Behandlung von Depressionen mit den SSRIs, den serotonergen Wiederaufnahmehemmern, begonnen haben, wurden wir belächelt", erzählt Kasper, einer der Pioniere dieser Therapie-Methode. "Jetzt ist es ‚State of the Art‘, und wir können Störungen der Serotonin-Signalübertragung im Gehirn als Ursache für Depressionen und Angststörungen quantifizieren." 80 Prozent aller Menschen mit einer Depression werden mit SSRIs behandelt - die Erfolgsquote liegt bei 70 Prozent. Siegfried Kasper: "Die Lebensqualität steigt, der Antrieb und die Stimmung bessern sich deutlich und anhaltend."

Mit Hilfe der nuklearmedizinischen PET-Methode können Rezeptoren, Transporter und Enzyme quantifiziert werden, um neurochemische Unterschiede bei Erkrankungen des Gehirns zu diagnostizieren, aber auch, um die Effekte von Medikamenten auf das Gehirn näher zu analysieren.

So konnte auch nachgewiesen werden, dass der Serotonintransporter (Sert) bei Patienten mit Depressionen in verschiedenen Teilen des Gehirns stark reduziert ist. Zugleich ergab die PET, dass SSRIs als gut wirksame pharmakologische Erstlinientherapie die Aktivität des Serotonin-Systems spezifisch verändern. Sert ist ein Protein der Zellmembran, das den Rücktransport des Nervenbotenstoffs Serotonin (im Volksmund das "Glückshormon") in die Zelle ermöglicht. Im Gehirn beeinflusst die Aktivität des Serotonintransporters neuronale Netzwerke, die bei Depression verändert sind. Deshalb dient Sert auch als Angriffspunkt für die wichtigsten Antidepressiva wie SSRIs.

International in Diskussion


Die neue Studie entstand in Kooperation mit der Neurobiology Research Unit des Universitätsspitals Kopenhagen. Die Gruppe von Rupert Lanzenberger an der Wiener MedUni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie zählt zu den international führenden Teams im Bereich der PET-Bildgebung des Gehirns bei psychiatrischen Erkrankungen. Die Arbeit wird am Wochenende auch auf dem Kongress des European College of Neuropsychopharmacology in Amsterdam diskutiert werden.