Wien. (gral) Unter den Krebsforschern herrscht schon seit einiger Zeit Aufbruchstimmung. Mit den ersten äußerst positiven Studien rund um die neue Hoffnung Immuntherapie, rücken Behandlungsmöglichkeiten in den Blickpunkt, die beim derzeit in Wien stattfindenden Europäischen Krebskongress (ECC) von der Forschungselite präsentiert und diskutiert werden. Bis zu 60 Prozent der Erkrankungen könnten damit, so die Hoffnung der Experten, in ein chronisches Stadium gebracht werden.

Für die Patienten selbst bedeutet dies ein längeres Überleben. Obwohl sich die Österreicher offenbar nicht darüber bewusst sind, inwieweit ihnen die moderne Krebsforschung nützt, liegt unser Land bei den Überlebensraten im europäischen Spitzenfeld.

"Wenn man in Skandinavien Leute auf der Straße befragt, ob sie von der medizinischen Forschung profitieren, sagen dort 80 Prozent ,ja‘. Bei uns ist das genau umgekehrt", betonte Michael Gnant, Leiter der Uniklinik für Chirurgie an der MedUni Wien noch im Vorfeld des ECC-Kongresses. Die Verzahnung zwischen klinischer Forschung an Patienten und der Behandlung von Krebspatienten sei der Öffentlichkeit und der Politik in Österreich offenbar kaum bewusst.

Spitze bei Überlebensraten


Doch der Profit für die Patienten kann sich sehen lassen. Leben in Europa fünf Jahre nach der Diagnose einer Krebserkrankung 52,5 Prozent der Patienten noch, so liegt Österreich mit einer Fünf-Jahres-Überlebensrate von 56,7 Prozent im Spitzenfeld, wie die beim Kongress präsentierte Eurocare-5-Studie zeigt. Am höchsten ist der Anteil in Island mit 57,6 Prozent.

Beim Lungenkrebs, der weltweit häufigsten Form liegt die durchschnittliche Lebenserwartung zumeist nur bei rund einem Jahr. Hierzulande leben fünf Jahre später noch 16,1 Prozent der Lungenkarzinompatienten. Damit ist Österreich Spitzenreiter.

Um diese Erfolge beibehalten, aber auch ausbauen zu können, müssten Wissenschaftsprojekte wesentlich mehr gefördert werden, merkte Gnant im Rahmen eines von Roche organisierten Hintergrundgesprächs an. Denn eine moderne Krebsmedizin sei ohne begleitende klinische Forschung an Patienten nicht umzusetzen. "In Österreich wird die klinische Forschung zu weniger als einem Prozent durch die öffentliche Hand gefördert, in der EU sind es elf und in den USA gar 50 Prozent." Je schneller Studien mit neuen Therapien positiv abschließen können, umso rascher kommen alle Patienten zu den für sie geeigneten Therapien.

Beim Brustkrebsmedikament Trastuzumab etwa, war eine Studie so erfolgreich, dass praktisch alle geeigneten Patientinnen binnen Wochen Zugang zu der neuen Substanz hatten, erklärte Günther Steger, Brustkrebsexperte von der Wiener Uniklink und dem Comprehensive Cancer Center an der MedUni.

Neuer Forschungsauftrag


Zuletzt konnte die österreichische Studiengruppe für Brust- und Darmkrebsforschung (ABCSG) einen riesigen Erfolg für sich verbuchen. In wenigen Wochen startet ein neues klinisches Forschungsprogramm, für das Österreich für die ganze Welt außer den USA die Leitung übernommen hat, berichtete Gnant. "Das bedeutet eine Brustkrebsstudie, die einen Durchbruch in der Behandlung bringen soll, mit einem Finanzaufwand von 350 Millionen Dollar und 4600 Patientinnen."

Gerade die Erfolge in der Behandlung von Brustkrebs stechen immer wieder besonders hervor. Mit einer Kombination von zwei zielgerichteten Medikamenten (Trastuzumab und Pertuzumab) kann bei bis zu 80 Prozent der sogenannten HER2-positiven Patientinnen erreicht werden, dass sich im Gewebe keine lebenden Krebszellen mehr befinden. Bei metastasiertem Brustkrebs hat sich die Lebenserwartung von ehemals nur zwölf bis 18 Monaten auf vier bis sechs Jahre erhöht.

Die vielversprechende Immuntherapie punktet derzeit hingegen nicht beim Brustkrebs, sondern vor allem beim malignen Melanom, dem schwarzen Hautkrebs. Dabei soll die von Tumoren unterdrückte Abwehrreaktion des Körpers wieder in Gang kommen. "Die Immuntherapie wird die Landschaft der Krebstherapie völlig verändern", betonte der ECC-Organisator Christoph Zielinski. Dies wird auch nötig sein, da die Anzahl der Krebserkrankungen in den nächsten Jahren auch aufgrund der demografischen Entwicklung kaum weniger werden wird.