Wien. Um die Immuntherapie, mit deren Hilfe Tumoren ihrer "Tarnkappen" entledigt werden, die sie vor der Erkennung und Bekämpfung durch das Abwehrsystem des Körpers schützen, gab es rund um den bis heute, Dienstag, in Wien stattfindenden Europäischen Krebskongress mit rund 20.000 Teilnehmern einen regelrechten Hype. Doch hinter dem berechtigten Enthusiasmus der Wissenschafter stecken noch viele offene Fragen.

Krebszelle angreifbar


Das Prinzip der neuen Medikamente, die bisher als monoklonale Antikörper aus der Biotechnologie kommen, erscheint plausibel. Bösartige Zellen und Immunzellen weisen an ihrer Oberfläche Strukturen auf, über welche eine ausreichende Immunantwort bei Krebs verhindert wird. Der Antikörper in Form von Ipilimumab kann hier Einfluss nehmen, hemmt den Mechanismus und macht die Krebszelle angreifbar. Auch andere Substanzen wie Nivolumab oder Pembrolizumab und viele andere in Entwicklung stehende Wirkstoffe sollen diesen Tumor-Schutzmechanismus hemmen.

Während sich bei Karzinomerkrankungen wie dem Melanom (Schwarzer Hautkrebs) oder dem Leberzellkrebs bereits gute Wirkungen zeigten, waren die Ergebnisse beim Brustkrebs bisher enttäuschend. Hier könnte sich allerdings die Chemotherapie beim Enttarnen als hilfreich erweisen, wie Michael Gnant, Präsident der Österreichischen Studiengesellschaft für Brust- und Darmkrebs (ABCSG) noch im Vorfeld des Kongresses betonte. Die Rückkehr "alter" Behandlungsstrategien, wie etwa Chemo- oder Strahlentherapie, könnten für die Zukunft wieder relevanter werden. Denn diese Mittel schädigen die Erbsubstanz der Krebszelle und führen zu noch mehr Mutationen. Dadurch entstehen neue Merkmale bösartiger Zellen, welche das Immunsystem besser erkennen sollte. Damit ließe sich eventuell die Wirkung der Immuntherapie verstärken, die zwar bei bestimmten Tumoren relativ häufig, aber längst nicht immer wirkt. Denn, "50 Prozent der mit Immuntherapeutika behandelten Melanompatienten sprechen nicht an", betonte die französische Forscherin Caroline Robert beim Kongress.

Vorbeugen und früh erkennen


Wie eine neue, groß angelegte US-Wirksamkeitsstudie mit dem monoklonalen Antikörper Nivolumab zeigt, kann die moderne Immuntherapie das Leben von Lungenkrebspatienten mit fortgeschrittener Erkrankung deutlich verlängern. Die neuesten Ergebnisse dazu präsentierten Forscher um Leora Horn vom Vanderbilt Ingram Cancer Center in Nashville und bildeten ein Highlight der Veranstaltung. Die Resultate waren laut der Darstellung beim Kongress und der Publikation im "New England Journal of Medicine" durchwegs positiv: 51 Prozent der Patienten unter der Antikörpertherapie lebten nach einem Jahr, hingegen nur 39 Prozent in der Vergleichsgruppe mit dem herkömmlichen Chemotherapeutikum Cisplatin. Nach eineinhalb Jahren Therapie zeigte sich ein noch größerer Unterschied - 39 zu 23 Prozent.

Für Ärzte und Gesundheitssystem stellt sich gerade der Lungenkrebs, Todesursache Nummer eins aller Tumorerkrankungen, als besonders harte Nuss dar. Die Chancen sind deshalb so schlecht, weil 75 Prozent der Diagnosen zu spät für eine heilende Behandlung gestellt werden. Wahrscheinlich ist der Lungenkrebs bei allen absehbaren Erfolgen am ehesten durch Vorbeugung - eben das Nichtrauchen - und die Früherkennung zu knacken.