Wien. (est) In Österreich werden noch heuer rund 10.000 Flüchtlinge erwartet. Der Staat müsse so schnell wie möglich Strukturen zur psychischen Betreuung traumatisierter Flüchtlinge schaffen, erklärten Experten am Mittwoch vor Journalisten in Wien. Diese würden weitgehend fehlen. "Die neue Flüchtlingsbewegung stellt Herausforderungen an Psychiatrie und Psychotherapie, denen wir mit derzeitigen Kapazitäten nicht begegnen können. Es müssen neue Ressourcen und Ausbildungsstätten aufgebaut werden", sagte Thomas Stompe von der Psychiatrischen Klinik der Medizinuni Wien.

Mitte November findet am Wiener AKH die Fünfte Herbsttagung für Transkulturelle Psychiatrie zum Thema "Flucht - Flüchtlinge in ihrem psychosozialen Kontext" statt. "Traumatisierte Flüchtlinge muss man möglichst früh behandeln, damit sich keine chronischen Belastungsstörungen entwickeln", warnte Ko-Organisator Stompe. Solche psychologische, psychotherapeutische und psychiatrische Hilfestellung sollte nach der möglichst schnellen Stabilisierung der Aufenthaltssituation erfolgen.

Flucht steht für Verlust, Leid, Hunger, Armut, Stress und Angst. Außergewöhnliche lebensbedrohliche Vorkommnisse, die die normale Anpassungskraft überfordern, ziehen in etwa der Hälfte der Fälle posttraumatische Belastungsstörungen nach sich. Betroffene erleben ihre Situation beim kleinsten Trigger immer wieder, ziehen sich zurück, leiden an Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Motivationsverlust oder Gefühlen von Leere. Ein Problem sind auch lange Asylverfahren, während denen die Traumatisierten erst recht wieder in ständiger Unsicherheit leben. Carryn Danzinger von der Wiener Hilfsorganisation Esra betonte: "Solange das Asylverfahren dauert, gibt es keine hundertprozentige Stabilisierung."

Flüchtlingstherapeuten müssen viel können: Expertise in Psychotraumatologie, Entwicklungspsychologie und Kinder-Therapie zählen zu den Anforderungen. Derzeit gibt es aber keine Regel-Ausbildung für Traumatologie, und es ordinieren in ganz Österreich nur 14 niedergelassene Jugendpsychiater mit Kassenvertrag.

Körperliche Reaktionen


Interkulturelle Kompetenz ist nötig, um Vertrauen mit Patienten aufzubauen. Denn die Reaktionen auf posttraumatische Belastungsstörungen sind kultur- und kontextabhängig. "Früher fiel man bei Belastung in Ohnmacht. Heute sehen Kindersoldaten Geister, die sie nicht loswerden", erklärte der interkulturell tätige Wiener Psychiater Thomas Wenzel: "Während man bei uns bei Trauer und Stress eher weint, äußern sich in nicht-westlichen Kulturen Probleme eher über den Körper." So würden viele betroffene Migranten wegen Kopf- oder Magenschmerzen zum Arzt gehen, aber in Wirklichkeit an unerkannten Belastungsstörungen leiden.