Am Sonntag um 3 Uhr werden die Uhren um eine Stunde zurückgedreht. Die zusätzlichen 60 Minuten machen dem Körper aber viel weniger Mühe als die Erfordernisse des modernen Alltags. - © Crisco/Corbis
Am Sonntag um 3 Uhr werden die Uhren um eine Stunde zurückgedreht. Die zusätzlichen 60 Minuten machen dem Körper aber viel weniger Mühe als die Erfordernisse des modernen Alltags. - © Crisco/Corbis

Montagsautos sind schlechter. Sogar in den Schulen wurde vor geraumer Zeit gelehrt, dass Montagsprodukte oft nicht den Anforderungen entsprechen. Denn die Konzentrationsfähigkeit der Fabriksarbeiter ist nicht immer gleich. Auch bei Ärzten und anderen Berufsgruppen wurde festgestellt, dass sie montags mehr Fehler machen als sonst. Wer am Wochenende gefeiert, mehr gegessen und länger geschlafen hat als wochentags, leidet zum Wochenstart an einer Art Jetlag, der die Aufmerksamkeit mindert.

Till Roennenberg, Chronobiologe an der Ludwig Maximilians Universität in München, nennt dieses Phänomen "Sozialen Jetlag". Mit seinem Team hat er das Schlafverhalten tausender Menschen weltweit verglichen und zwischen Wochentagen und Wochenenden häufig drei bis vier Stunden Zweitversatz festgestellt. Von Montag bis Freitag stehen viele um sechs oder sieben Uhr auf, samstags und sonntags schlafen sie aber bis neun oder zehn. Das entspricht laut den Forschern zwei Langstreckenflügen pro Woche durch je drei bis vier Zeitzonen.

Als unbedeutend nimmt sich dagegen die Zeitumstellung zwei Mal im Jahr aus. Am Sonntag um
3 Uhr werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt - Winterzeit is’. Und ob man sie mag oder nicht - der Gesundheit ist die Zeitverschiebung ziemlich egal: "An eine Stunde Unterschied gewöhnt sich der Körper in der Regel innerhalb von ein paar Tagen. Viel ungesünder ist die Schlaffrhythmusverschiebung jedes Wochenende und die Tatsache, dass wir im Alltag ständig die inneren Rhythmen ignorieren", sagt der US-Neurobiologe Fred Turek von der Northwestern University in Evanston, Illinois, zur "Wiener Zeitung".

Der innere Dirigent und sein molekulares Orchester

Der Körper richtet sich nicht nach einer, sondern nach vielen inneren Uhren. Sie bestimmen die Vorgänge in den Organen und regulieren den Stoffwechsel. Lebensgewohnheiten können diese molekularen Taktgeber allerdings mächtig durcheinanderbringen, mit schwerwiegenden Folgen.

Das Leben, wie wir es kennen, gehorcht dem Kreislauf von Tag und Nacht. "Vor 2,5 Milliarden Jahren nutzten die ersten Zyanobakterien Sonnenlicht zur Photosynthese. Pflanzen, Tiere und Menschen evolvierten in Anpassung an den 24-Stunden-Zyklus der Erdumlaufbahn", erklärt der US-Neurowissenschafter Joseph Takahashi vom Southwestern Medical Center der Universität Texas im "Scientific American". Dabei muss sich die innere Uhr ständig synchronisieren. Ansonsten würden sich nämlich die Schlafphasen laufend verschieben. Denn der innere Rhythmus folgt einem Tag von 23,5 bis 24,7 Stunden. Diese Abweichung ist kein Fehler der Evolution, sondern Notwendigkeit. Der Körper kann sich so besser auf die Phasen der Natur einstellen: Im Winter hat der Tag etwa acht Stunden Licht und 16 Stunden Dunkelheit, im Sommer ist es genau umgekehrt. Wir müssen den Schlafrhythmus anpassen, Temperaturumstellungen bewältigen und den Melatoninrhythmus regulieren. "Diese Aufgabe ist leichter zu vollziehen, wenn der Körper so tickt wie eine alte, billige Swatch", sagt Turek.

Welche Systeme kontrollieren diese Vorgänge? Um das zu erfahren, muss man dem Licht folgen. Über die Augen erreichen die Lichtstrahlen ein Kerngebiet im Gehirn oberhalb der Kreuzung der Sehnerven. Diese Region, genannt Nucleus suprachiasmaticus (SCN), ist der zentrale Chronometer des Menschen. Lange nahmen die Forscher an, dass der SCN den Takt das für alle biologischen Prozesse vorgebe. Bis sie herausfanden, dass er nur den Ton angibt. Wie ein molekularer Dirigent gleicht er die untergeordneten Zeitmesser aneinander und an den 24-Stunden-Rhythmus an, damit der Körper den Tagesablauf bewältigen kann.

Erbanlagen, die an diesen inneren oder zirkadianen Rhythmen mitwirken, wurden in unterschiedlichen Lebewesen nachgewiesen, von Bakterien über Mäuse bis hin zum Menschen. "Wir fanden jene Gene, die in den Zellen für den richtigen Zeitpunkt der Abläufe sorgen. Was uns besonders überraschte, ist dass überall im Körper die gleichen "Uhren-Gene" am Werk sind und dass andere Arten sehr ähnlich Gene haben", betont Turek. Die Zeitmesser fanden sich auch in allen untersuchten Organen. Ihre zentrale Bedeutung für das Überleben war somit evident.

Zirkadiane Chronometer bereiten das Herz auf die Morgendämmerung und das Aufstehen vor. Die Insulinausschüttung in der Bauchspeicheldrüse, die den Blutzuckerspiegel senkt, wird von einer inneren Uhr angeregt. In den Nieren steuern molekulare Zeitgeber, wann das Organ Chlorid, Natrium oder Kalium ausscheidet oder zurückbehält, um den Blutdruck zu regulieren. In der Leber geben Uhren-Gene den Takt zur Freisetzung von Glukose ins Blut.

Turek und seine Kollegen haben an von Zellproben von Mäusen mitverfolgt, dass 20 bis 50 Prozent der Genexpressionen in den Organen rhythmisch gesteuert sind. Die Zellen erzeugen Hormone und Proteine nach einem regelmäßigen Ablauf. Sie verarbeiten Chemikalien nach der Uhr. "Die Zeitgeber-Gene arbeiten in einer Feedbackschleife: Gen A schaltet Gen B an, das Gen C andreht, das Gen A abschaltet", beschreibt Turek die von der Natur angelegten Vorgänge, die wie ein exaktes Wunder klingen. Das bei vielen Menschen allerdings nicht mehr ganz so exakt läuft. Im realen Leben bringen wir unsere inneren Uhren nämlich ordentlich durcheinander.