Wien. Das Gesicht des Feindes zu erkennen, gewinnt in der Krebstherapie zunehmend an Bedeutung. Nicht nur dass Tumoren zielgerichteter angegriffen werden können, ist es heute auch möglich, bei bestimmten Krebsarten mittels spezieller Tests Vorhersagen über die Wirksamkeit von Therapien zu treffen. Das genetische Profil des Tumors wird unter die Lupe genommen, um Erkrankungs- oder Rückfallrisiken ermitteln zu können. Als eines der vielversprechendsten Gebiete zeigt sich derzeit die neue Immuntherapie. Dabei wird mit Antikörpern versucht, die Krebszellen für das Abwehrsystem des Körpers sichtbar zu machen.

All diese Innovationen auf dem Weg zur sogenannten Präzisionsmedizin fußen auf der Grundlagenforschung. Um den Nutzen für die Patienten deutlicher zu machen, wachsen Grundlagen- und klinische Forschung immer mehr zusammen, wie Krebsexperten Mittwochabend bei einem Hintergrundgespräch des Comprehensive Cancer Center (CCC) der Meduni Wien verdeutlichten. Sie orten einen Paradigmenwechsel in ihren Disziplinen. Denn erstmals würden biologische Systeme dieser Erkrankungen ganzheitlich erklärbar werden.

"Mit unserer Forschungsarbeit stoßen wir stetig neue Türen auf", betonte der Immunologe Josef Penninger, Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba). Sein Hauptaugenmerk liegt derzeit am Microenvironment des Tumors, jener zellulären Umgebung, die von den Krebszellen zum Teil selbst gestaltet und zu ihrem Vorteil verändert werden kann. Mit diesem Trick gelingt es dem Tumor, das Immunsystem so zu täuschen, dass die Immunantwort, also der Angriff auf die Krebszelle, ausbleibt. Die neuen Therapiestrategien würden es ermöglichen, dass "plötzlich 50 bis 60 Prozent" der Patienten längerfristig überleben, so Penninger.

Er hat vor 20 Jahren bei Mäusen den Signalweg des Proteins Rank-Ligand (Rankl) entdeckt und damit den Schlüsselmechanismus für den Knochenstoffwechsel. In weiteren Forschungen wurde deutlich, dass Rankl auch das Wachstum der Brustdrüsen anregt. Eine seit zehn Jahren laufende Studie des Österreichischen Brust- und Darmkrebs-Forschungsnetzwerkes (ABCSG) soll demnächst zeigen, ob die Hemmung von Rankl auch einen Effekt auf die Entstehung von Metastasen bei Brustkrebs hat. Die Experten erwarten sich hier bedeutende Ergebnisse.

Gerade beim Brustkrebs, der häufigsten Krebsart bei Frauen, gab es in den letzten 30 Jahren immense Fortschritte, betonte Michael Gnant, Leiter der Uniklinik für Chirurgie im AKH. Die Sterblichkeit konnte um ein Drittel reduziert werden. "Knapp 2000 Frauen sterben jedes Jahr weniger als noch 1985." Heute wird mittlerweile zwischen zwölf Arten von Brustkrebs unterschieden.

Veränderbare Driver


Neu ist eine Erkenntnis über die genetische Funktionsweise von Tumoren, sagte Gnant. Sogenannte "Driver" verleihen dem Krebs einen Wachstumsvorteil gegenüber normalen Zellen. Sie sorgen auch für die Ausbreitung in Form von Metastasen. Daher sind vor allem die Driver das Ziel für neue Wirkstoffe. Doch "bei fortschreitender Erkrankung verändern sich diese Driver. So können sie in Lunge- oder Lebermetastase unterschiedliche sein". Das macht einerseits verständlich, dass unterschiedliche Therapiewege benötigt werden, andererseits auch, dass Therapien an Grenzen stoßen.

Um patientenorientiert arbeiten zu können, bedürfe es eines eigenen Life-Science-Standortes, der alle Kräfte bündelt, betonte Penninger. "Österreich braucht eine Max-Planck-ähnliche Gesellschaft, um die besten Talente ins Land zu bringen." Wissenschafts-Hotspots seien international auch die ökonomisch erfolgreichsten Regionen. Ein erster Schritt ist die Annäherung der drei Forschungseinrichtungen Imba, MedUni Wien und Cemm (Research Center for Molecular Medicine), betonten Penninger und Gnant.

Vielleicht ist das ein Schritt, um die heimischen Lebenswissenschaften auch international wieder sichtbarer zu machen. Immerhin befindet sich im aktuellen Life-Sciences-Ranking von "Times Higher Education" keine österreichische Universität mehr unter den Top 100. Im Vorjahr war die Uni Wien noch vertreten.