"Wiener Zeitung": Sie haben diese Woche einen Vortrag am Messerli Institut der Veterinärmedizinischen Universität Wien gehalten. Das Institut ist noch relativ neu. Es beschäftigt sich mit der Tier-Mensch-Beziehung. Stehen solche Einrichtungen, noch dazu an einer veterinärmedizinischen Universität, für eine Veränderung der Beziehung von Menschen zu Tieren?

Carol J. Adams: Ja, ich denke schon. Wir haben etwa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gebraucht, um uns zu fragen, was eigentlich die vielen Tiere in unserem Leben bedeuten. Heute gibt es solche Institute und Einrichtungen, wie etwa das Clever Dog Lab an der VetMed, das kognitiven Fähigkeiten von Hunden untersucht. Wir haben uns weiterentwickelt, was unsere Bereitschaft betrifft, die Fähigkeiten von Tieren anzuerkennen. Diese Fähigkeiten waren immer da, wir wollten sie nur nicht anerkennen.

Was genau erkennen wir dabei an? Ist das nicht erneut ein Zugang, der darauf abzielt, in Tieren in erster Linie das zu sehen, was sie für den Menschen bedeuten?

Es ist ein Fortschritt, anzuerkennen, dass zum Beispiel bestimmte kognitive Eigenschaften nicht exklusiv menschlich sind. Mir selbst geht es aber tatsächlich darum, dass wir unsere Rolle hinterfragen. Wir sind nicht die Krone der Evolution, sondern Teil einer Welt, die aus einer ganzen Vielzahl verschiedener Lebewesen besteht. Wir sind erst dabei, zu verstehen, dass wir in komplexen Beziehungen leben mit Tieren, mit Menschen, mit allen Lebewesen. Unsere menschliche Subjektivität haben wir darauf gegründet, dass wir Tiere zu Objekten machen, über die wir herrschen. Wir haben unsere Welt in Dualismen aufgebaut: Tier oder Mensch, Frau oder Mann, Kultur oder Natur.

Aber Fleisch zu essen, erscheint zum Beispiel den meisten Menschen wohl als das Natürlichste überhaupt. Es wirkt nicht wie eine soziale Konstruktion.

Damit sind zumindest drei Probleme verbunden - erstens: Wie definieren wir, was natürlich ist? In den 1950er Jahren war es natürlich, dass eine Frau zu Hause bei den Kindern bleibt. Zweitens: Was ist das natürliche Essen von Menschen? Während der menschlichen Evolution haben sie sich nicht von gejagten Mammuts ernährt, sondern von Pflanzen, von Insekten, von Kadavern, die von fleischfressenden Tieren zurückgelassen wurden. Und drittens sind Menschen keine Fleischfresser, sondern Omnivoren. Sie brauchen das Fleisch nicht. Das Einzige, was "natürlich" ist, ist, dass sich alles verändert. Was also wird in 50 Jahren als natürlich gelten, wenn wir gezwungenermaßen weniger Fleisch essen, weil der Klimawandel das erfordert? Unsere Welt kann ja die Fleischwirtschaft nicht mehr verkraften, denn diese ist nicht nachhaltig. Und es ist schwer, etwas, das nicht nachhaltig ist, als natürlich anzusehen.