Exeter/Wien. Vor allem sind es die Gedächtnisleistung und das Denkvermögen, die im Zuge einer Demenzerkrankung nach und nach verloren gehen. Aber auch Orientierungslosigkeit zählt zu einem typischen Anzeichen, das durch Veränderungen im Gehirn von Demenzpatienten entsteht. Britische Forscher haben nun herausgefunden, welche Zellen in unserem Denkorgan beim Verlust der Orientierung eine Schlüsselrolle spielen.

Zwei Arbeiten der University of Exeter Medical School bringen die Forscher einen Schritt näher, um einerseits den Krankheitsbeginn besser verstehen und andererseits einen zielführenden Weg für künftige Therapien beschreiten zu können.

Das Gehirn besitzt ein eigenes Navigationssystem bestehend aus zwei entscheidenden Komponenten. Die sogenannten Platzzellen - ein bestimmter Zelltyp im für Gedächtnisleistungen zuständigen Hirnareal namens Hippocampus - bilden eine Karte des umgebenden Raumes. Mit ihrer Hilfe finden wir tagtäglich den Weg in die Arbeit und wieder nach Hause. Bei Menschen, die sich wesentlich mehr Wegstrecken merken müssen, etwa Taxifahrer, ist dieser Teil des Hippocampus auch größer als gewöhnlich. Für die Entdeckung dieser Platzzellen hat John O’Keefe übrigens im Jahr 2014 den Medizinnobelpreis erhalten.

GPS-Details fallen aus


Gleichzeitig Nobelpreis-gewürdigt wurde die Entdeckung der zweiten Komponente dieses menschlichen Navigationssystems durch das Forscherehepaar May-Britt und Edvard Moser - die Rasterzellen. Diese sind im sogenannten entorhinalen Kortex beheimatet und bilden ein Koordinatensystem, das mit den Platzzellen so zusammenarbeitet, dass eine genaue Positionierung und Orientierung im Raum erst möglich wird.

Bei Demenzkranken kommt es nach und nach zu Funktionsstörungen in diesem Bereich. Sie benötigen mitunter Fixpunkte und Beschriftungen, die ihnen die Orientierung sogar in den eigenen vier Wänden ermöglichen.

Schuld daran sind offenbar Funktionsveränderungen bei den Rasterzellen, wie ein Wissenschafterteam um Jon Brown von der University of Exeter in Kooperation mit der University of Bristol herausgefunden hat und im "Journal of Neuroscience" berichtet. Jene feinen Navigationsdetails, wie sie vergleichsweise als Raster auf einer Straßenkarte unterstützend zu finden sind, würden demnach ausfallen, wie sie bei demenzkranken Mäusen feststellten. Die Erkenntnisse müssten nun noch auf den Menschen übertragen werden, betonen die Wissenschafter.

Weiters würden funktionsgestörte Platzzellen den Forschungsergebnissen zufolge wiederum das räumliche Gedächtnis beeinflussen und räumliche Informationen falsch interpretieren.

"Demenz ist eine unserer größten gesundheitlichen Herausforderungen dieser Zeit und wir haben noch immer viel über deren Gründe zu lernen. Aber auch, wie unser Gehirn funktioniert. Die neuen Erkenntnissen ermöglichen einen Fortschritt auf beiden Gebieten und sind ein weiterer kleiner Schritt hin zu früheren Diagnosen und neuen Behandlungsmethoden", betont Jon Brown in seiner Studie.

Derzeit gibt es rund 100.000 Demenzkranke in Österreich, zwei Drittel davon sind Frauen. Bis zum Jahr 2050 wird sich aufgrund der steigenden Lebenserwartung die Zahl der Demenzpatienten auf bis zu 270.000 erhöhen. "Es ist wichtig, diese Forschungen weiterzuführen, um zu verstehen, ob sich diese Ereigniskette im Gehirn als Pfad für neue Therapien eignet", betont Laura Phipps von Alzheimer’s Research UK.