Menschlicher Schädel: Das anatomische Präparat diente um 1900 dem universitären Studium der Augenheilkunde. - © Bene Croy/Josephinum
Menschlicher Schädel: Das anatomische Präparat diente um 1900 dem universitären Studium der Augenheilkunde. - © Bene Croy/Josephinum

Wien. Grauer Star nimmt dem Leben die Farben. Er legt einen Schleier über die Welt und führt unbehandelt zur Erblindung. Heute kann der trübe Teil der Linse mit einem winzigen Schnitt entfernt und durch eine Kunstlinse ersetzt werden, dann ist der Blick wieder klar. Die Operation, die viele für eine Errungenschaft der modernen Medizin halten würden, nahm ihren Ausgang aber schon im 18. Jahrhundert.

"Die erste Beschreibung einer Operation gegen Grauen Star kennen wir aus dem Jahr 1753", erklärt Moritz Stipsicz, Ausstellungskurator im Wiener Josephinum, und deutet auf eine Vitrine mit blitzenden Operationsbestecken. "Man schnitt den Star aus dem Auge. Statt zu erblinden, konnten Betroffene nachher - mit sehr starken Brillen - sehen." Die Journalistengruppe blickt auf hauchdünne strenge Klingen und Scheren mit kunstfertig wellenförmigen Schneiden in samtgefütterten Futteralen. "Das hätte ich mich nicht getraut", entfährt es jemandem, und eine Frau merkt an: "Unglaublich, dass das schon damals ging."

Der Wiener Mediziner Georg Joseph Beer gründete 1812 in Wien die weltweit erste Universitäts-Augenklinik am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt. Sie war der Grundstein zu einer eigenständigen Entwicklung der Augenheilkunde und des augenärztlichen Unterrichts im Rahmen des universitären Medizinstudiums. 1883 wurde in Wien die II. Universitäts-Augenklinik gegründet, womit es mit dem Josephinum, das 1785 als chirurgischmedizinische Akademie eröffnet wurde, drei Zentren für Augenheilkunde gab.

Die Ausstellung "De Oculis: Die Sammlung Aichmair im Josephinum" ist seit Donnerstagabend zu sehen - anlässlich einer Schenkung von 600 Objekten aus der Sammlung Aichmair an das Josephinum, das die Sammlung der Medizinischen Universität Wien beherbergt. Zu sehen ist eine Auswahl der spezialisierten und faszinierenden historischen Sammlungsgegenstände sowie medizinische Darstellungen von Krankheitsbildern. Eine Reihe eleganter, themenbezogener, zeitgenössischer Kunstwerke mildert die allzu plastische Qualität mancher wissenschaftlicher Exponate ab.

Die Sammlung des ehemaligen Wiener Augenarztes Hermann Aichmair entstand im Laufe eines halben Jahrhunderts und umspannt einen Zeitrahmen vom 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Die wohl größte Privatsammlung dieser Art gliedert sich in die Bereiche Diagnostik, optische Sehbehelfe, Volkskunst, Chirurgie, Lehrmodelle und persönliche Objekte. Zu den diagnostischen Instrumenten zählen eine beträchtliche Anzahl an Augenspiegeln, darunter einer des Erfinders Hermann von Helmholtz aus 1852. "Schon damals konnte man mit einem Augenspiegel den Augenhintergrund auf Verletzungen oder Gerinnsel absuchen", erklärt Stipsicz. Weiters gibt es Optiker-Probierkästen, Sehprobentafeln in verschiedenen Schriften und drehbare Sehtests, mit denen Augenärzte wie in einer Laterna Magica die Wahrnehmung bewegter Bilder überprüfen konnten.

Optische Brillen, Sonnenbrillen, Schutzbrillen und Scherzbrillen sind in unterschiedlichsten Variationen aus Perlmutt, Horn, Schildpatt, Holz, gebläutem Stahl, Silber und Gold vorhanden. Hinzu kommen monokulare und binokulare Ferngläser, Lupen und Mikroskope sowie eine Kollektion seltener Augen-Votivgaben, die nach erfolgter Heilung von einer Krankheit als symbolische Opfer der Kirche geschenkt wurden.

"Höhepunkt als Sammler"

"Ich war zwar immer schon ein guter Beobachter und sehr neugierig", erklärt der heute 93-jährige Hermann Aichmair seine Beweggründe als Sammler: Was mir sehr gut gefallen hat, habe ich sehr intensiv angeschaut und mir dabei gedacht, so etwas möchte ich auch haben. Wenn ich dann etwas in dieser Richtung gefunden habe, habe ich es besonders gehütet. ,Sammeln‘ war das aber noch nicht. Um eine Sammlung aufzubauen, muss man sich spezialisieren." Privat zu sammeln heißt auch, sich Wissen anzueignen und sich den Sammlungsgegenständen zu widmen. Dennoch empfindet Aichmair weniger Trennungsschmerz als Freude. "Die Schenkung ist wie der Höhepunkt meiner Sammlertätigkeit."

Aus dem Bestand des Josephinum sind Moulagen zu den Augenerkrankungen des 19. Jahrhunderts zu sehen und historische histologische Wachsmodelle, die die Entwicklung des Auges in der Embryologie darstellen. Dazu gibt es in der bis 8. Oktober laufenden Schau eine Kollektion höchst unterschiedlicher Glasaugen.