Wien. Ansteckende Begeisterung, die im Freudentaumel endet? Spontane Chöre, in die immer mehr Stimmen einfallen? Um sich greifende schlechte Laune, die sich allzu leicht in Aggressionen entlädt? Nicht nur Menschen, sondern auch Affen kennen die Grundlagen des stadiontypischen Verhaltens. Und sie haben die Stadionwelle "La Ola", bei der die Zuschauer nacheinander von den Sitzen springen und die Arme hochreißen, erfunden. Entgegen anderslautenden Gerüchten stammt die Welle nämlich weder von zweibeinigen US-Amerikanern noch Mexikanern. Die Präriehunde in den Grasländern Nordamerikas beherrschen diese Kunst nämlich schon deutlich länger.

Die geselligen Nagetiere leben in riesigen Kolonien - die größte bekannte Präriehund-Stadt in Mexiko hat sogar mehr als eine Million Einwohner. Für Biologen bietet ihr komplexes Sozialleben ein reiches Betätigungsfeld. Lange haben sie über ein ganz besonders bizarres Verhalten gerätselt: Plötzlich stellt sich ein Tier auf die Hinterbeine - manchmal sogar mit so viel Schwung, dass es kurz vom Boden abhebt. Dabei streckt es die Vorderbeine aus, wirft den Kopf in den Nacken und jault "Wii-uuu!". Das Ganze dauert eine Sekunde und steckt Artgenossen an: Wer sieht, dass sich seine Nachbarn in Positur werfen, macht mit. Die Bewegung schwappt durch die Kolonie - wie die Welle "La Ola" über die Ränge eines Stadions.

Wollen die Präriehunde mit diese eigentümlichen Aktion Territorium markieren? Stärkt die Welle den sozialen Zusammenhalt? Oder signalisiert sie, dass Feinde abgezogen sind und die Luft rein ist? Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben James Hare und seine Kollegen von der University of Manitoba im kanadischen Winnipeg 170 Videos aus 16 Kolonien von Schwarzschwanz-Präriehunden analysiert. Sie wollten wissen, wann genau das kollektive Aufspringen und Jaulen auftritt und welche Reaktionen folgen.

Dabei entdeckten die Forscher einen auffälligen Zusammenhang: Je länger eine Präriehund-Welle dauerte und je mehr Artgenossen sich daran beteiligten, umso mehr Zeit verbrachte der Initiator der Aktion anschließend mit dem Fressen. Das lieferte den entscheidenden Hinweis. Eine ausgiebige, entspannte Mahlzeit ist nämlich keine Selbstverständlichkeit für Präriehunde. Da ihnen von Greifvögeln über Klapperschlangen bis hin zu Kojoten ein Heer von Feinden auflauert, müssen die Nager ständig auf der Hut sein. Ein Teil der Kolonie mustert daher den Himmel und die Landschaft, während ihre Gefährten fressen oder sich anderen Aktivitäten widmen.