Social Media, ständige Erreichbarkeit, Mehrfachbelastung in Beruf und Familie, Hansdampf in allen Gassen - die Liste an Gegebenheiten, die den Alltag unserer heutigen Gesellschaft prägen, lässt sich beliebig fortsetzen. Die Folge daraus ist Stress. Was es mit dem Stress auf sich hat und wie wir am besten damit umgehen, erklärt der österreichische Mediziner und Theologe Johannes Huber im Vorfeld des diesjährigen Medicinum Lech zum Thema "Stress - Fluch oder Segen?" im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Stress ist eine natürliche Körperreaktion, die einen Überlebensvorteil bringen soll. Heute wird er durch seine ständige Präsenz sogar als Killer Nr. 1 bezeichnet. Wo liegt die Wahrheit?

Johannes Huber:Unser Körper besitzt viele tolle Systeme, die dafür geschaffen wurden, mit Stress umzugehen. Ohne ihn gäbe es kein Leben, keinen Fortschritt. Das durch Stress ausgeschüttete Hormon Cortisol, das in der Nebennierenrinde gebildet wird, braucht unser Körper, er wird damit leistungsfähig. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass unser Leben auf Konsumieren und Wettbewerb ausgerichtet ist. Durch die elektronischen Medien und die Social Media wird das noch extrem verstärkt. Das hat die Evolution bisher nicht gekannt. Es ist ein Unterschied, ob man zwei Mal in der Woche auf Jagd geht, um sich zu ernähren, oder ununterbrochen mit anderen konkurrieren muss. Das sind hausgemachte Dauerstresssituationen - die guten Systeme unseres Körpers geraten dadurch aus dem Ruder. Die Folge sind Herzinfarkt und Schlaganfälle. Letzten Endes ist es eine Frage der Balance - wie immer im Leben.

Stressoren hat es immer schon gegeben, die heutigen gesundheitlichen Auswirkungen scheinen aber ein Vielfaches von früher erreicht zu haben. Sind dem Menschen Fähigkeiten abhanden gekommen, das zu managen?

Das kann natürlich sein. Eine Fähigkeit ist sicher der gesunde Menschenverstand. Heute ist es eher Meditation, sich Zeit nehmen, nachdenken oder das Gespräch in der Familie. Damit lassen sich Probleme bewältigen. Diese Faktoren gab es in der Vergangenheit, sie sind aber heute reduziert oder überhaupt verloren gegangen. Auch die enorme Berufstätigkeit beider Partner verursacht großen Stress. Über die elektronischen Medien kann sich die ganze Welt gegenseitig kompetitiv bekämpfen. Stress gab es zwar immer schon, aber er hat jetzt eine Eigenschaft angenommen, die ihn den Menschen als unangenehm empfinden lässt. Das war früher nicht so.

Das Wort ist auch im Sprachgebrauch sehr stark vertreten: Mach dir keinen Stress. Stress mich nicht. Ich bin gestresst. Stressige Zeiten. Der Begriff begleitet uns tagein tagaus - heute auch schon die Kinder. Ist Stress möglicherweise ein heraufbeschworener Begriff, um einen Übeltäter im Visier zu haben?

Das bedeutet aber auch, dass man einen Übeltäter offensichtlich orten möchte, weil es einem nicht gut geht. Das Unwohlsein der Menschen nimmt nicht ab, obwohl es uns extrem gut geht. Es nimmt zu und da kann man versucht sein, einen Feind zu identifizieren und den im Stress zu benennen. Ohne dass er das wirklich ist. Der Hintergrund ist, dass viele Menschen nicht wirklich glücklich sind. Sie stehen unter Druck - von der Gesellschaft, von ihrem Umfeld. Denken Sie an das Mobbing mit Hilfe von Sozialen Medien. Das führt dazu, dass Menschen leiden und dabei anders leiden als vor 100 Jahren. Dieses Leiden wird mit dem Namen Stress belegt.

Welche Auswirkungen kann das auf die jüngste Generation haben?

Große. Es gibt den epigenetischen Code und das ist das Gefährliche. Kinder registrieren die Umwelt, speichern sie und geben sie weiter. Kinder, die in ihrer Familie mit Stress aufwachsen - weil die Eltern etwa von einem Termin zum nächsten hetzen -, werden dadurch geprägt. Die Kinder sind auch per se in einem Stress, wenn man sich ihnen nicht widmet. Wachsen sie aber, vor allem in den ersten zwei Lebensjahren - im zweiten epigenetischen Fenster -, sehr behütet in einer liebevollen Umgebung auf, in der sie abgeschmust und gestreichelt werden, werden die Cortisolrezeptoren richtig eingestellt und sie können später mit Stress besser umgehen.

Wie viel Druck kann der Mensch verkraften, wie viel braucht er?

Das ist nicht messbar. Aber ausschlaggebend sind das Empfinden und das Selbstinterpretieren einer Stresssituation. Daher würde ich das der Individualität überlassen.

Ein Thema von Ihnen beim Medicinicum ist "Stress und Molekularbiologie". Was kann man sich darunter vorstellen?

Man hat sich überlegt, wo sich die anatomischen Grundlagen für den Stress befinden. Ein wichtiger Punkt dabei ist der Vagusnerv. Er registriert, was sich in unserem Körper tut und meldet das dem Gehirn zurück. Umgekehrt kann der Vagusnerv auch unseren Körper beeinflussen - etwa bei der Meditation, wo sich Herzfrequenz und Blutdruck positiv entwickeln. Weiters setzt unser Gehirn, wenn es sich ärgert, Neurotransmitter frei - etwa Noradrenalin oder Prostaglandine. Diese fördern Entzündungsmediatoren. Früher, als man etwa in der Steinzeit noch Raum und die Familie im Kampf verteidigen musste, war dies wichtig, um bei Verwundungen einen Heilungsprozess anzukurbeln.