Wien. Alles, was sie über ihre Patienten wissen muss, hat die Augenärztin Jasmin Azem auf Knopfdruck. Die Dame, die soeben vor ihr sitzt, hat gerade einen Sehtest in einer anderen Abteilung des Augenzentrums gemacht. "Beginnende Altersweitsicht, -1/+1,5 Dioptrien mit Hornhautverkrümmung am rechten Auge", liest die Ärztin vom Bildschirm. Zum Gegencheck macht sie einen zweiten Sehtest, misst danach den Augenhintergrund und empfiehlt schließlich Gleitsicht-Kontaktlinsen. "Mit Gleitsicht-Brillen hätten Sie keine Freude, nehme ich an. Die muss man nämlich ständig tragen und Sie verzichten ja schon jetzt auf Ihre Augengläser, wo es nur geht", sagt Jasmin Azem, mit einem Schmunzeln. Und schon kommt der Nächste dran.

Das Patientendaten-Intranet des Wiener Augenzentrums ist ein Beispiel für angewandtes elektronisches Gesundheitsmanagement. Der Ärztin hilft es, ihre gut besuchte Ordination bestmöglich zu managen. Spitälern sollen neue Medizintechnologien hingegen mehr Präzision ermöglichen, dem Gesundheitswesen soll die systemische Vernetzung Geld sparen. "Die Medizin zwischen alten Mythen und neuen Möglichkeiten" ist das Thema der Gesundheitsgespräche von 21. bis 23. August beim Forum Alpbach zur digitalen Medizin.

Google für Medizin

Worum es dabei geht: Unter dem Schlagwort E-Health firmiert praktisch alles im Gesundheitsbereich, das neu und technologiegetrieben ist - von Patientenmanagement über die umstrittenen Elektronische Gesundheitsakte bis hin zum gläsernen Patienten, schnelleren Diagnose-Auswertungen und Robotern statt Ärzten als Diagnostiker. In Alpbach sollen nun die Perspektiven der vernetzten, digitalen Medizin in einer alternden und und wachsenden Bevölkerung analysiert werden. Denn noch weiß niemand, ob E-Health (wie eingangs im Augenzentrum) uns in erster Linie Freude macht, und ob es den Gesundheitssystemen tatsächlich Geld sparen wird. Zunächst erreichen jedenfalls jede Menge Ideen, mit denen Weltkonzerne Geld verdienen wollen, die Schlagzeilen. In dieser Welt der Visionen wird der Patient zum "Kunden", denn die Systeme betreffen alle Menschen, ob krank oder gesund.

Für den Computer ist jeder immer erreichbar - mit jeder App, mit der er seine Schritte oder bereits gegessene Kalorien zählt. "Wer krank ist, schaut in Google nach und nutzt die Suchfunktion als Hausarzt. Derzeit meldet sich dort jeder zu Wort. Daher wird an einem Google für Medizin gearbeitet, das qualifiziert-sinnvolle Antworten ausspucken soll", sagt Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, und einer der Redner in Alpbach: Es entstünde eine neue Art der Verbindung zwischen Gesundheitsdienstleister und Patient, die keinen Arzt aus Fleisch und Blut erfordert.