Wien. ,,In der Psychiatrie haben wir Erkrankungen, die je nach Geschlecht viel häufiger vorkommen. Bei Frauen zum Beispiel Depressionen, bei Männern etwa Autismus", erklärt Georg Kranz, Neurowissenschafter an der Medizinischen Universität Wien. "Um psychische Krankheiten zu heilen, müssen wir aber erst verstehen, wie das Gehirn funktioniert. Eine wichtige Frage ist, wie es zu dem Unterschied in weiblichen und männlichen Gehirnen kommt", betont der Forscher. Diesen Unterschied haben Kranz und seine Kollegen fünf Jahre lang im Rahmen einer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie untersucht und die Ergebnisse Ende August präsentiert.

Doch um die neuen Erkenntnisse einzuordnen, müssen zuerst die Rahmenbedingungen des Projekts erläutert werden: Konkret haben die Wissenschafter den Einfluss von Sexualhormonen auf das Gehirn erforscht. Diese sind entscheidend für das Geschlecht eines Menschen. Wird im Mutterleib das Hormon Östrogen ausgeschüttet, entwickelt der Embryo weibliche Geschlechtsorgane. Testosteron ist das männliche Gegenstück dazu.

Transgender im Fokus

Als Testpersonen für die Studie wurden allerdings Transgenderpersonen ausgewählt, die durch eine Hormontherapie ihren Körper an das andere Geschlecht angleichen wollen. Dabei werden unter ärztlicher Aufsicht die Sexualhormone des anderen Geschlechts verabreicht. Das regt bei einer biologischen Frau den Bartwuchs an, während bei einem biologischen Mann das weibliche Brustwachstum einsetzt.

Die Forscher fertigten vor und nach Beginn der Hormonbehandlung mittels Magnetresonanztomografie (MRT) Gehirn-Scans der Testpersonen an. Dadurch wurde festgehalten, wie sich die Gehirnstruktur durch den Einfluss der Hormone verändert. Als Kontrollpersonen wurden ebenso viele Frauen und Männer untersucht, die sich mit ihrem angeborenen Geschlecht wohlfühlen.

"Testosteron verringert merklich das Volumen jener Teile des Gehirns, die für Sprachverarbeitung zuständig sind", erläutert Kranz gegenüber der "Wiener Zeitung". Männer wären demnach schlechter bei Produktion und Verständnis von Sprache. Dabei gelte es aber zu beachten, dass nicht das tatsächliche Sprachvermögen abgeprüft wurde. "Wir haben lediglich die regionale Gehirnstruktur und deren Verbindungen beobachtet." Auch ein Einfluss auf Risikoverhalten, räumliche Vorstellung und Impulsivität wird vermutet, muss aber noch weiter erforscht werden.

Außerdem könnte das "Glückshormon" Serotonin betroffen sein: "Ein erhöhter Testosteronhaushalt führt zu einem Anstieg sogenannter Serotonintransporter, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass Testosteron die Serotonin-Produktion anregt", so Kranz. Serotonin hat wiederum einen Einfluss auf die Gefühlslage - ein Mangel kann zu Depressionen führen.

Neues zur Geschlechtsidentität

Hier findet sich die Verbindung zu den eingangs erwähnten Erkrankungen. Wird das männliche Sexualhormon Testosteron also in Zukunft das führende Antidepressivum? "Das würde ich nicht empfehlen", meint Kranz. Körperliche Nebenwirkungen wie Bartwuchs wären für Frauen inakzeptabel. Die Entwicklung einer Arznei sei außerdem nicht der Zweck. ,,Uns geht es um Grundlagenforschung. Natürlich ist das Ziel die Behandlung von Krankheiten. Aber das muss in einem weiteren Projekt erarbeitet werden", so Kranz.

Quasi unbeabsichtigt haben die Forscher darüber hinaus neue Erkenntnisse über die sogenannte Geschlechtsidentität erlangt: Davon spricht man, um zu beschreiben, welchem Geschlecht ein Mensch sich zugehörig fühlt. Das muss nicht unbedingt das biologische sein. Bei Transgenderpersonen führt diese Diskrepanz zu dem Wunsch, das eigene Geschlecht zu ändern. Der Clou: Die Gehirnstruktur der untersuchten Transgenderpersonen war vor der Hormonbehandlung weder typisch weiblich noch männlich, so die Forscher. Es war eine Art Mittelstellung. Vermutet wird, dass diese schon seit der Geburt besteht. Dieser Umstand könnte zum Unwohlsein mit dem physischen Geschlecht führen.

An der Erkenntnis waren auch die Testpersonen selbst sehr interessiert. Transsexualität ist ein heikles Thema in der Öffentlichkeit. Betroffene sind nach wie vor mit Unverständnis und Diskriminierung konfrontiert. "Wissenschaftliche Fakten könnten dazu führen, dass die Geschlechtsidentität als biologische Variante der menschlichen Existenz begriffen wird. Das könnte auch die Akzeptanz erhöhen", schließt Kranz.