Bonelli, Neurowissenschaftler und Psychiater, in seiner Ordination. - © Stanislav Jenis
Bonelli, Neurowissenschaftler und Psychiater, in seiner Ordination. - © Stanislav Jenis

Narzissten leben in ihrer ganz persönlichen Fantasiewelt, in der sie vor allem von sich selbst begeistert sind. Ihre Handlungen sind gemeinhin realitätsfremd und weichen von der Norm ab. Narzissmus ist ein gesellschaftliches Problem, auch wenn es auf den ersten Blick nicht als solches erkennbar ist.

Die Psychoanalyse hat sich in den letzten 100 Jahren mit diesem Phänomen – teils theorielastig – beschäftigt. Bodenständiger und alltagstauglicher wird die Diskussion mit der Arbeit des Wiener Psychiaters Raphael M. Bonelli.

"Wiener Zeitung": Sie haben ein Buch über "Männlichen Narzissmus" geschrieben. Würde ein klassischer Narzisst Ihr Buch lesen?

"Raphael M. Bonelli": Er würde es nicht lesen, außer er hat intellektuelles Interesse am Autor. Aber er würde nicht sagen: "Ups – das bin ja ich." Dieser Aha-Effekt ist schon Teil der Therapie. Einen klassischen Narzissten gibt es nicht, dieser wäre eine Abstrahierung, eine Utopie. So etwas Radikales existiert nicht. Jeder hat einen Anteil in sich, der eine weniger, der andere mehr. Dort wo der Narzisst nicht Narzisst ist, ist seine Chance zur Gesundung. Wenn er erkennt, dass er offensichtlich ein Problem mit Menschen hat, weil er sie immer runtermacht, dann könnte er vom Buch profitieren.