Ein super Fahrgefühl werden Roboter hinterm Steuer vermutlich nicht haben. - © EpicStockMedia/fotolia
Ein super Fahrgefühl werden Roboter hinterm Steuer vermutlich nicht haben. - © EpicStockMedia/fotolia

Ein paar Tage frei, ein voller Tank, den Schlüssel umdrehen und starten. Triest und das blaue Meer sind nur fünf Stunden entfernt, die Schönheit Venedigs nur sieben, die Wachau eine und die Schweiz neun: Die Freiheit der Welt liegt unter den vier Rädern. Es ist die Freiheit der Wahl und die Freiheit, das Gefühl Fernweh jederzeit stillen zu können und zu fahren, wohin es einen zieht. Eigenständig in seinem eigenen rollenden, erweiterten Wohnzimmer.

Der Mensch lenkt und das Auto fährt. So schnell oder so langsam und wohin sie oder er es will. Der Mensch trägt die Verantwortung, er kontrolliert. Das ist die Idee des Automobils und ein Grund für seinen weltweiten Siegeszug. Es geht um Verantwortung für sich selbst und das Gefühl, die Kontrolle haben zu können, um die Welt in den Händen zu halten. Autofahren kann super sein, in den Sonnenuntergang führen und ein tolles Fahrgefühl bringen. Manchmal ist es auch langweilig, manchmal entspannend, manchmal gesellig oder von Musik begleitet. Aber immer beruht es (idealerweise) auf einem ruhigen, konzentrierten Prozess, der zum Ziel führt. Und das macht Freude.

Nun aber sollen die Autofahrer die Kontrolle abgeben. Nachdem das Automobil die Kutsche verdrängte und sich vom Fortbewegungsmittel für Wohlhabende schließlich zum individuellen Verkehrsmittel für alle entwickelte, sollen wir das Steuer aus der Hand geben und von Fahrern zu Passagieren werden.

Politiker, Automobil- und Technologiekonzerne präsentieren diese Perspektive wie eine Selbstverständlichkeit und verkaufen das Diktat des technologischen Wandels als Vorteil für alle. Die EU-Kommission digitalisiert Straßen-Infrastrukturen und will die Fahrzeuge so weit vernetzen, dass diese per Funk untereinander ausmachen, wie sie möglichst stauvermeidend dahinrollen. EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc will in den kommenden drei Jahren eine Strategie namens "Cooperative Intelligent Transport Systems" umsetzen: Ab 2019 sollen Menschen am Steuer immer seltener werden und irgendwann wohl Nostalgie sein, so wie das Plakat vom Marlboro-Mann.

Die Argumente der Befürworter haben auf den ersten Blick durchaus etwas Verlockendes. Denn ein Dasein als Passagier spart enorm viel Zeit: Statt im Stau zu stehen, kann er Sinnstiftendes tun. Lesen zum Beispiel, Sprachen und Musikinstrumente erlernen, oder arbeiten oder in Ruhe telefonieren. Auch hochbetagte Mitbürger hätten stets so etwas wie einen Chauffeur und wären länger uneingeschränkt mobil. Und last but not least und am wichtigsten: Auf den Straßen wäre menschliches Versagen ausgeschaltet.

Digitale Unfallvermeidung

Das Problem ist nur: Autonome Kraftfahrzeuge nehmen dem Autofahren jeglichen Spaß. Denn wer will in Wirklichkeit von einem unsichtbaren Chauffeur täglich spazieren gefahren werden, wenn ihm beim Lesen am Rücksitz sowieso schlecht wird? Das Steuer an einen Roboter abzugeben, hat etwas von ewigem Serienschauen in einer lauwarmen Badewanne, während im Hintergrund leise Lounge-Musik läuft.

Zudem ist völlig offen, ob die Technik hält, was derzeit von ihr versprochen wird. So stellen die Autokonzerne in Aussicht, dass autonome Wägen ab einer bestimmten Serienreife im Prinzip unfallfrei fahren sollen. Sensoren, Scanner und Kameras, die im Millisekundenbereich reagieren, sollen ununterbrochen und unermüdlich die Umgebung abtasten und die Technik so früh auf Fahrzeuge vor ihr regieren, dass Auffahrunfälle vermieden werden. Car-to-Car-Verbindungen sollen sogar Informationen austauschen und einander warnen, wenn hinter einer uneinsichtigen Kurve ein Hindernis ist. Unsichere oder betagte Autofahrer wären dann vor ihren eigenen Fehlern geschützt, höhere Gewalt hätte auf den Straßen kaum eine Chance.

Vorerst zeigt die Erfahrung allerdings nur, dass Computerausfälle katastrophal ausgehen können. Einen Technik-Absturz bei 130 Stundenkilometern auf der Autobahn ohne die Möglichkeit, einzugreifen, wünscht sich mit Sicherheit niemand. Zudem gibt eine künstliche Intelligenz, die zwischen anderen autonomen Fahrzeugen, Gegenständen und Menschen keinen Unterschied macht, keinen praxistauglichen Steuermann ab. Wer stur jedes Hindernis gleich behandelt, verfolgt keine Ethik auf der Basis der Menschenrechte. Ethik hat immer mit Eigenverantwortung zu tun - nicht mit dem Abgeben von Verantwortung und dem Rückzug auf die hinteren Reihen.

Im Auto hat der Fahrer im äußersten Fall die Verantwortung über Leben und Tod. Er muss ausgeschlafen sein, nüchtern und konzentriert, um er bei einem Unfall augenblicklich das Schlimmste verhindern zu können. Was das ist, hängt von den Umständen ab. Wie aber erkennt ein Algorithmus die Umstände richtig? Nach welchen Maßstäben soll er entscheiden - ohne Konzept von der Würde des Menschen? Und wie kann er wissen, was richtig ist: Ein über die Straße rennendes Kind zu retten oder die vier Pensionisten, die seine Insassen sind?

Die neue Technologie bringt nicht nur bis dato ungekannte ethische Konflikte, sondern auch ethisch zweifelhafte Geschäftsmöglichkeiten. "Wenn Mercedes Benz erklärt, seine autonomen Autos werden im Ernstfall immer der Rettung der Insassen den Vorrang geben, klingt das ethisch recht anrüchig. Versucht hier ein Konzern, sich mit moralisch bedenklichen Vorteilen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen?", stellt Roberto Simanowski, Professor für Digital Media Studies an der City University in Hongkong, in einem Beitrag in der "Neuen Zürcher Zeitung" zur Debatte: "Sobald über diese Seite der Algorithmen gesprochen wird, scheint keine andere Lösung denkbar als der Egoismus."