Berlin. Unten im Tal jagten die Neandertaler gerne Pferde und Nashörner im Wald. Schließlich brachte dort die Rhone den Bäumen das ganze Jahr über genug Wasser, das der Fluss aus den Alpen noch heute in den Süden Frankreichs in die Nähe von Valence trägt. Hoch über dem Tal reichten auf einer Ebene die Niederschläge vor 250.000 Jahren wohl genau wie heute nur noch für ein Buschland aus, das im Mittelmeerraum als "Macchie" bezeichnet wird. Die Neandertaler lebten damals ungefähr in der Mitte zwischen beiden Landschaften - und scherten sich wenig um die Unterschiede.

"Jedenfalls jagte eine andere Gruppe meist auf der Ebene", erklärt Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Uni Tübingen. Bei ihnen standen daher häufig die dort lebenden Hirsche und Büffel auf der Speisekarte. Auf den ersten Blick mögen solche Unterschiede banal wirken. Schließlich kommt auch bei heutigen Menschen unterschiedliches Essen auf den Tisch. Während die einen Schweinsbraten vorziehen, lieben die Nachbarn es vegetarisch. Nur argwöhnten viele Forscher bisher, dass die Neandertaler weit weniger flexibel als die modernen Menschen waren.

Isotope als Grundlage

Genau diese Annahme entlarvt das Team um Bocherens im Fachblatt "Quaternary Science Reviews" als falsch: "Die Neandertaler waren uns viel ähnlicher als bisher vermutet", folgert der Forscher. Dabei stützt der Paläobiologe sich auf eine raffinierte und doch bestechend einfache Kette von Indizien, die auf sogenannten "Isotopen-Analysen" beruhen.

Der Begriff "Isotop" steht dabei für unterschiedlich schwere Atomsorten eines bestimmten Elementes. So wiegt zum Beispiel das leichtere Kohlenstoff-Isotop C-12 zwölf Einheiten, während das schwerere C-13 viel seltener ist. Beim Sauerstoff wiederum gibt es das 16 Einheiten schwere O-16 und das schwerere sowie deutlich seltenere O-18. In kühleren Regionen wie den Alpen, die vor 250.000 Jahren von einer Eiskappe bedeckt waren, kommt das schwerere O-18 im Wasser noch seltener vor als in wärmeren Regionen.

Diesen Mangel an O-18 sehen die Forscher auch noch weit flussabwärts im Rhone-Wasser. Auf der Ebene hoch über dem Unterlauf der Rhone lagen die Temperaturen damals wie heute deutlich über denen im Alpenraum. Und prompt steckt dort im Wasser viel mehr O-18. Diese Unterschiede spiegeln sich später auch in den Tieren wider, die von diesem Wasser getrunken haben. Finden die Forscher also bei Pferden und Nashörnern auffällig niedrige O-18-Werte, sollten diese Arten damals im waldigen Rhone-Tal gelebt haben. In Hirschen und Büffeln liegen die O-18-Werte dagegen relativ hoch, diese Tiere sollten also auf der Ebene Wasser getrunken und dort wohl auch gelebt haben.