Wien. (est) "Die menschliche Biologie unterscheidet sich nicht nur in den Geschlechtshormonen und der Anatomie, sondern auch in den Genen und allen Organen. Außerdem wirken sich äußere und soziokulturelle Einflüsse, wie Stress, Lebensumstände oder Umweltverschmutzung, unterschiedlich auf die Biologie von Mann und Frau aus." Mit einfachen Erklärungen wie diesen weckt Alexandra Kautzky-Willer das Interesse für Gender-Medizin. Das Fachgebiet dreht sich um Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen in allen Bereichen der Gesundheit. Denn nach wie vor werden medizinische Studien zumeist an Männern durchgeführt und sind Medikamente für Männer, nicht Frauen oder Kinder, dosiert.

Nicht alle Mediziner können ihre Expertise so gut so vermitteln wie Kautzky-Willer. Der Klub der Wissenschafts- und Bildungsjournalisten hat die Gendermedizinerin daher zur "Wissenschafterin des Jahres 2016" gewählt. Der Preis würdigt vor allem das Bemühen von Forscherinnen und Forschern, ihre Arbeit der Öffentlichkeit verständlich zu machen und damit das Ansehen von Österreichs Wissenschaft zu heben.

Alexandra Kautzky-Willer (54) hatte schon früh den Wunsch, Medizinerin zu werden. Die Tochter eines Wiener Lehrerehepaars wurde Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechsel. Außerdem habilitierte sie sich mit einer Arbeit über Insulin an der Medizinuniversität Wien. Seit Anfang der 1990er Jahre ist sie an der Uniklinik für Innere Medizin II am Wiener AKH tätig und auf Diabetes mellitus, Schwangerschaftsdiabetes und Genderaspekte bei Übergewicht, Fettleibigkeit, Entzündungen und Gefäßerkrankungen spezialisiert. 2007 wurde Kautzky-Willer Mitglied des Beirats der damals neu gegründeten Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin, deren Obfrau sie heute ist. Seit 2010 ist sie Österreichs erste Professorin für Gender-Medizin. In Europa existieren Einheiten von vergleichbarem Ruf am schwedischen Karolinska Institut und an der Berliner Charité.

Medizinische Chancengleichheit

Unterschiede zwischen Mann und Frau finden sich in allen Organen und Organsystemen und sogar in den Zellen. Denn die Sexualhormone beeinflussen nicht nur die Fortpflanzung, sondern auch den Energiehaushalt, den Stoffwechsel, das Immun- und das Herz-Kreislauf-System. Frauen haben mehr Autoimmunerkrankungen, aber weniger Infektionskrankheiten, Männer wiederum bekommen öfter und früher Diabetes und Herzinfarkte. Die jeweils anderen Problembereiche sind laut Kautzky-Willer bei beiden Geschlechtern zu wenig erforscht. Etwa würden Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen oft nicht erkannt. Der Grund sind die Symptome: "Bei Frauen äußern sich Schlaganfälle oftmals durch Schmerzen im Rücken oder im Oberbauch sowie Sprach- oder Koordinationsschwierigkeiten", sagt die Gendermedizinerin. Bei Männern wiederum würde Depression selten diagnostiziert, weil die Symptome von Impulskontrollenverlust, Agitation oder Unwohlsein im Allgemeinen nicht mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden.

"Chancengleichheit in der Medizin bedeutet die bestmögliche Behandlung für jedes Individuum", betont Kautzky-Willer. Mehr Förderungen müssten in Studien fließen, die weibliche wie männliche Zellen, Männer wie Frauen sowie Frauen vor und nach der Menopause berücksichtigen.

Und was passiert, wenn dieses Ziel erreicht ist? Könnten dann Männer, die heute statistisch gesehen früher sterben, genau so lange leben wie Frauen? Vermutlich nicht. "Selbst wenn Erkrankungen bestmöglich geschlechtsspezifisch behandelt würden und sich der Lebensstil von Frau und Mann angleicht, würden die Frauen ein bis zwei Jahre länger leben", sagt Kautzky-Willer. Der Unterschied in der Lebensdauer bleibt, denn "die Biologie hat das wahrscheinlich so eingerichtet, da bei der Fortpflanzung eine höhere Belastung auf den Frauen liegt. Aus diesem Grund sind sie auch bis zur Menopause vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt", erklärt die Trägerin des Staatspreises für Geschlechterforschung und Referentin im Minimed-Studium zur Vermittlung von medizinischem Fachwissen an Laien.