Wien. (est) Komplexes Leben könnte früher entstanden sein als bisher angenommen, berichten amerikanische und schottische Forscher. Sie haben in Sedimenten von Schiefer-Gestein chemische Spuren entdeckt, die bezeugen, dass eine der Zutaten - genügend Sauerstoff - bereits vor zwei Milliarden Jahren vorhanden gewesen sein könnte, schreiben sie im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Die Entstehung von komplexem Leben fasziniert die Wissenschaft. Die Erde ist 4,6 Milliarden Jahre alt. Vor rund 3,8 Milliarden Jahren bildeten sich die ersten Einzeller - Bakterien und Archaeen, die bis vor etwa 1,8 Milliarden Jahre ganz alleine existiert haben sollen. Erst danach bildeten sich Zellen mit Zellkernen und Organellen, genannt Eukaryoten, die später zu Pilzen, Pflanzen, Tieren und Menschen evolvierten. Neuesten Erkenntnissen zufolge hatten komplexe und einfache Zellen die gleichen Ursprünge: Die vielschichtigen Lebenformen entstanden in einem Prozess der Symbiose, bei dem beide Zelltypen besonders eng zusammenarbeiten, bevor sie sich zu komplexeren Systemen zusammenschlossen (die "Wiener Zeitung" berichtete). Somit wurden Einzeller über die Jahrmillionen zu unseren Zellen heute.

Spuren in Schiefer-Sediment

Die Voraussetzung war Sauerstoff. Es wird angenommen, dass ab etwa vor 1,75 bis 1,65 Milliarden Jahren genug davon in der Erdatmosphäre gab, um die Bildung von Mehrzellern zu unterstützen. Das Team um den Astrobiologen Roger Buick von der Universität Washington berichtet nun aber, dass dies schon vor 2,4 bis 2 Milliarden Jahren der Fall gewesen sein könnten: Komplexes Leben hätte sich viele Millionen Jahre vor den ersten Eukaryoten bilden können.

Warum jedoch hat dieses hypothetische Leben nicht überlebt? Die Forscher führen dies darauf zurück, dass sich der Sauerstoff in der Erdatmosphäre wieder auflöste. Sie analysierten Spuren des Elements Selen in Schiefer-Sedimenten aus dieser Zeit auf Merkmale von Oxidation. Die Reaktion hinterlässt Signaturen in den Selen-Isotopen des Gesteins. "Der Sauerstoff-Pegel scheint damals für die Dauer von einer Viertelmilliarde Jahren ziemlich hoch gewesen zu sein", sagt Buick - zu kurz für die Evolution, um komplexes Leben zu diversifizieren. Dennoch hätten zumindest vorübergehend einige komplexe Lebensformen entstehen können.

Wie aber konnte der Sauerstoff wieder verschwinden? "Das ist das Rätsel", sagt Eva Stüeken von der St. Andrews Universität in Schottland. Sie räumt ein, dass die Bedingungen zur Entstehung von Leben häufiger auftreten könnten als angenommen. Untermauert wird dies durch ein 2010 beschriebenes makroskopisches Fossil namens Gabonionta, das mit 2,1 Milliarden Jahren als mögliche früheste Form mehrzelligen Lebens gilt.