Ankara. (est) Schon ab dem kommenden Schuljahr sollen Kinder in der Türkei nichts mehr über die grundlegendste wissenschaftliche Theorie zur Entstehung des Lebens im Biologieunterricht erfahren. Das Bildungsministerium in Ankara will die Evolutionstheorie von Charles Darwin nämlich aus den gymnasialen Lehrplänen streichen. "Darwins Untersuchungen führten zu einer Theorie, ähnlich wie die Physik die Theorie vom Urknall hervorbrachte. Diese Themen müssen separat außerhalb des schulischen Lehrplans erörtert werden", zitiert die türkische Zeitung "Haberturk" Bildungsminister Ismet Yilmaz in ihrer Online-Ausgabe.

Statt der Evolutionstheorie soll künftig ein Ersatzkapitel mit dem Titel "Lebewesen und die Umwelt" in den Schulbüchern zu finden sein. Zudem sollen alle Hinweise auf Darwin’sche oder "neo-darwinistische" Theorien entfernt werden. Weiters sollen "Säkularismus", "Wiedergeburt" und "Atheismus" in Religionsbüchern als "problematische Überzeugungen" und als "Krankheiten" eingestuft werden. Der Gründer der laizistischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, soll nach und nach aus den Unterrichtsinhalten verschwinden, berichtete die Austria Presse Agentur am Dienstag. Zwar handle es sich noch um Vorschläge, doch geht es nach dem Willen des Bildungsministeriums, soll das Maßnahmenpaket bereits in den kommenden Wochen in Kraft treten.

Damit würde umgesetzt, was Säkularisten in der Türkei schon lange befürchten: Die islamisch-konservative AKP-Regierung stärkt Schritt für Schritt religiöse Inhalte in Bildungsanstalten, indem sie unter anderem die Theorie des Kreationismus unterstützt. Der Kreationismus lehnt die Evolutionstheorie ab und geht davon aus, dass alle Arten von Gott geschaffen wurden.

"Die Beseitigung der Evolutionstheorie aus den türkischen Schulen scheint die jüngste Runde im jahrhundertealten Kulturkrieg zu sein", kommentierte der regierungskritische Journalist Mustafa Akyol den Vorstoß im Internetmagazin "Al-Monitor": "Ein türkischer High-School-Absolvent wird nichts über eine der wichtigsten wissenschaftlichen Theorien lernen", konstatiert der Journalist Akyol. Mit solch einem Vorgehen würden Religiös-Konservative meinen, sie würden das Bildungssystem "reinigen".

Um die Evolutionstheorie gab es immer wieder Ärger in der Türkei. 2009 wurde auf Anordnung des staatlichen Wissenschaftsrates in der Fachzeitschrift "Bilim ve Teknik" ("Wissenschaft und Technik") die Veröffentlichung eines Artikels über Darwin gestoppt. Die Herausgeberin wurde entlassen, nachdem sie das Titelblatt der März-Ausgabe der vor 150 Jahren veröffentlichten Evolutionstheorie gewidmet hatte. "Die Streichung der Evolutionstheorie aus den Schulbüchern ist die nächste Runde in diesem Kulturkampf. Dabei nützt es niemandem, wenn Kinder in Schulen in Ignoranz gehalten werden, wo sie doch im Internet einfach nachschauen können", schreibt Akyol.

Religion bekämpft Laizismus

Die Türkei ist das einzige muslimische Land, das laizistisch regiert wird. Laut der Verfassung dürfen "heilige religiöse Gefühle" nicht "mit den Angelegenheiten und der Politik des Staates" vermischt werden. Ein Grundsatz, an den sich auch der offen religiöse Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu halten hat. Tatsächlich aber hält sich Erdogan oft nicht an diese Vorgabe. So hat er bei Wahlkämpfen gelegentlich einen Koran in der Hand gehalten, was in der Türkei als Tabubruch gilt.

Tatsächlich erlebt die Türkei seit seinem Amtsantritt als Regierungschef im Jahr 2003 eine Re-Islamisierung. So wurde etwa das Kopftuchverbot in staatlichen Einrichtungen gelockert. Die Möglichkeiten des Alkoholkonsums an öffentlichen Orten wurden eingeschränkt. Auch Gewinnspiele dürfen keinen Alkohol mehr als Preis ausloben. Erdogan forderte 2014, türkische Schüler sollen Osmanisch lernen, die Vorgängersprache des modernen Türkisch - ohne lateinische Buchstaben -, und ließ vergangenen Herbst mehr als 130 Wissenschafter verhaften. Politiker der kemalistischen Oppositionspartei CHP und der prokurdischen HDP warnen regelmäßig vor einer "religiösen Diktatur" durch die AKP.