Dass der Rest mehrere Anläufe machen muss, um die oder den Richtigen zu treffen, stört die Psychologin nicht. "Kein Computer kann wissen, ob die Chemie stimmt und zwei Menschen Gefühle füreinander entwickeln. Der Algorithmus kann nur die Chancen berechnen", erklärt sie. Doch wenn die Chemie stimmt, kommen Online-Paare flott zu Ergebnissen. "Viele machen schnell Nägel mit Köpfen, ziehen zusammen und heiraten", sagt Erb. Keine Jahre des mühseligen Zusammenfindens: Wer in der Liebe das Pferd von der anderen Seite aufzäumt und nur passende Menschen trifft, erspart sich das Chaos der Zufallslotterie.

Grundsätzlich ist der Mensch für den Zufall ja nicht geschaffen. Das Gehirn arbeite wie eine "Assoziationsmaschine", die nach Ursachen sucht. "Ganz allgemein bringt sie eine Repräsentation der Wirklichkeit hervor, die mehr Sinn ergibt, als vorhanden ist", schreibt Daniel Kahnemann in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken". Aus der Sicht der Evolution ist das sogar höchst sinnvoll: Eine Situation richtig einschätzen, die Gründe verstehen und mögliche Konsequenzen abschätzen zu können, ist nicht nur für Jäger und Sammler überlebensnotwendig. Daraus aber abzuleiten, dass alles einen Grund haben muss und man diese Gründe sogar erkennen kann, wenn man sich nur genügend bemüht, scheint jedoch in die Irre zu führen: "Unsere Neigung zu kausalem Denken macht uns anfällig für gravierende Fehler bei der Beurteilung von Zufallsereignissen", schreibt Kahnemann.

Wenn in einer Klinik 83 Buben zur Welt kommen, muss das 84. nicht unbedingt ein Mädchen sein, auch nicht das 85. Jede Samenzelle hat eine andere genetische Ausstattung, daher können zwei Menschen unterschiedliche Kinder zeugen, je nachdem welches Spermium als Erstes in die Eizelle eindringt. Doch wir können selbst unausgesprochene Situationen spüren und erfassen und unglückliche Zufälle damit verhindern. Oder Gute ansteuern, die dann ihre Wirkung entfalten.

"Es gibt immer zwei Möglichkeiten"

Peter wuchs nach dem Krieg zuerst im zwölften Wiener Gemeindebezirk auf, seine Mutter hatte einen Stand auf dem Meidlinger Markt. Ihm waren die Heuchler zuwider, die zuerst "Heil Hitler" gebrüllt hatten und nun leugneten, ihn je gewählt zu haben, er wollte weg. Vor dem Markt fuhr ein Mietauto vor. Ein neuseeländisches Ehepaar stieg aus und erkundigte sich nach der nächsten Werkstatt. Peter fuhr mit ihnen hin und bot in seinem Schulenglisch an, ihnen Wien zu zeigen. Sie revanchierten sich mit einer Einladung und einem Schiffsticket erster Klasse ans andere Ende der Welt. Peter ergriff die Chance seines Lebens, ging nach in Wellington, um zu studieren, und war dort überglücklich. Nach zwei Jahren wollte er in den Sommerferien jedoch seine Mutter und Freunde besuchen. Angekommen im winterlichen Wien, nahmen ihn die Freunde auf einen Ball mit. Dort tanzte er mit Christine und statt nach Wellington zurückzukehren, blieb er in Wien.

"Es gibt immer zwei Möglichkeiten", sagt der polnische Jude Samuel Jakobowsky zum Oberst in Franz Werfels gleichnamiger Komödie über zwei ungleiche Personen, denen die Flucht vor den Nazis gelingt. Ein Zufall tritt ein. Danach trifft man eine Wahl.

Der Zufall, das Universum

und Du

Florian Aigner zu Erkenntnissen der Naturwissenschaften über den Zufall; Brandstätter, 22,90 Euro

Schnelles Denken, langsames Denken

Daniel Kahnemann über Entscheidungen und Illusionen des kausalen Denkens zu erfassen;
Pantheon, 600 Seiten, 17,50 Euro

Buchtipps