London/Wien. Es liest sich, als ob es erst gestern geschrieben wurde, und zeigt gleichzeitig auf, wie schnell Wissen sich überholt: In seinem Artikel "Fifty Years Hence" analysierte Winston Churchill die Entdeckungen der Menschheit. Noch nie habe sich so viel so schnell verändert wie seit Beginn der Industrierevolution und die atemberaubende Gangart sei den Wissenschaften zu verdanken. Diese würden "wie eine vereinte Armee vorwärts marschieren zu Zielen, die niemand messen oder definieren kann. (...) Die Vergangenheit erlaubt uns nicht einmal schemenhafte Zukunftsprognosen", schrieb der bedeutendste britische Staatsmann des 20. Jahrhunderts 1931 im "Strand Magazine".

Dennoch versuchte Churchill eine Vision. "Sind wir allein im Weltall?", war der Titel eines Manuskripts, das er vor Kriegsausbruch 1939 für die Tageszeitung "News of the World" verfasste. Der Text erschien jedoch nicht und wurde Ende der 1950er Jahre überarbeitet. Um dem neuen wissenschaftlichen Denken Rechnung zu tragen, hieß er nun "Sind wir alleine im Universum?".

Winston Churchill war von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 britischer Premierminister und führte Großbritannien durch den Zweiten Weltkrieg. Der Kriegsherr war auch der erste Staatschef, der einen wissenschaftlichen Berater einsetzte. Er legte damit den Grundstein für ein forschungsfreundliches Vereinigtes Königreich, in dessen öffentlich geförderten Labors die DNA-Struktur und die Röntgen-Kristallografie, aber auch Kernfusion und Waffentechniken erforscht wurden.

In den späten 1980er Jahren vermachte Wendy Reves, Ehefrau des Herausgebers Emery Reves und Freundin der Familie Churchill, Winstons nie veröffentlichtes Essay über außerirdisches Leben dem National Churchill Museum im US-Bundesstaat Missouri. Es lag in den Archiven, bis der im Mai 2016 bestellte Museumsdirektor Timothy Riley es wiederentdeckte. Er übergab die elf Seiten dem israelischen Astrophysiker Mario Livio zur wissenschaftlichen Untersuchung. Über die Inhalte berichtet Livio nun im Fachmagazin "Nature".

"Leben besteht aus Wasser"

Demnach reflektiert Churchills Argumentation in vielerlei Hinsicht das Denken heutiger Astrobiologen. Er sieht große Chancen in der Erkundung unseres Sonnensystems und geht davon aus, dass in den unermesslichen Weiten des Universums die Erde kein Einzelfall sein könne. Der Politiker definiert Leben, wie wir es kennen, als etwas, das aus seiner Sicht fähig sein muss, "sich fortzupflanzen und zu multiplizieren", und das Wasser benötigt. "Alle Körper und Zellen bestehen größtenteils aus Wasser", so Churchill. Zusätzliche Flüssigkeiten seien nicht auszuschließen, jedoch nicht erwiesen. Somit müsse die Suche nach außerirdischem Leben von der Suche nach flüssigem Wasser, "das sogar Chemikalien wie Physophate durch Zellwände transportieren kann", geleitet sein.

Bereits Churchill definiert die bewohnbare Zone eines Sterns als jene Umlaufbahn, in der es weder zu kalt noch zu heiß ist für flüssiges Wasser auf der Oberfläche eines Gesteinsplaneten. Leben könne nur in Temperaturbereichen zwischen "Frost und kochendem Wasser" existieren. Der Politiker widmet sich auch Planetenatmosphären und legt dar, dass heißere Atmosphären leichter entwischen könnten, da sie aus schnelleren Molekülen bestehen. Je heißer die atmosphärischen Gase, desto höher müsse die Anziehungskraft eines Planeten sein.

Der Staatsmann kommt zu dem Schluss, dass in unserem Sonnensystem Mars und Venus die einzigen Orte seien, die Leben beherbergen könnten. Alle anderen seien zu kalt oder zu heiß, und der Mond sei zu klein, um eine Atmosphäre zu binden. Weiters geht er davon aus, dass Planeten auch andere Sterne umkreisen. "Die Sonne ist nur ein Stern in der Galaxie, die Milliarden weitere Sterne beherbergt", schreibt er.

Heute erkundet das Mars-Fahrzeug "Curiosity" den Roten Planeten nach Spuren von flüssigem Wasser als Indiz für vergangenes Leben. Allerdings ist erwiesen, dass der Mars zu kalt und die Venus zu heiß ist für Wesen wie auf der Erde. 1992 wurde der erste extrasolare Planet nachgewiesen, indem Forscher zeigten, dass sich die Wellenlänge des abgestrahlten Lichts mancher Sonnen verändert, wenn sie von einem massereichen planetaren Begleiter umkreist werden. 2009 startete die US-Weltraumbehörde Nasa ihre Planetenjäger-Mission "Kepler". Das Teleskop betrachtete 150.000 Sterne. Bewegen sich Planeten auf ihren Bahnen direkt vor ihnen vorbei, ändert sich je nach Größe das Licht, das "Kepler" auffängt. Bisher wurden 3442 Exoplaneten nachgewiesen, darunter auch Erd-Zwillinge. "Jeder zweite Stern hat mindestens einen Planeten, und es gibt Milliarden von Sternen allein in unserer Galaxie sowie Milliarden von Galaxien im All, von denen wir nur die hellsten sehen", betont die österreichische Exoplaneten-Forscherin Lisa Kaltenegger. Künftige Teleskope sollen die chemische Zusammensetzung ihrer Atmosphären auf Wasserstoff, Sauerstoff und Methan untersuchen.