Wien. 700.000 Menschen sterben jährlich, weil ihnen Antibiotika nicht mehr helfen können. Sie sind von besonders hartnäckigen Bakterien befallen, die selbst die schärfsten Waffen, die die Medizin derzeit zu bieten hat, nicht umbringen können. Werden keine Anstrengungen unternommen, um diese Resistenzbildung einzuschränken beziehungsweise um neue Antibiotika zu entwickeln, könnte die Zahl der Todesfälle im Jahr 2050 weltweit bei zehn Millionen Menschen liegen, warnen Experten.

Um diese Bedrohung zu verdeutlichen, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals eine Liste mit den zwölf für die Menschheit gefährlichsten Bakterienstämmen vorgelegt. Erst im vergangenen Herbst hatte die UNO-Vollversammlung in New York diese Gefahr aufgezeigt. Die Suche nach einer globalen Antibiotika-Strategie wird seither verstärkt vorangetrieben.

WHO listet gefährliche Keime

Die WHO-Liste wird von dem besonders gefährlichen Keim Acinetobacter baumannii angeführt (siehe Grafik). Dieses gefinkelte Bakterium kann Infektionen verursachen, für die keinerlei Therapien existieren. Auch die von Experten "Panzerschrankantibiotika" genannten Wirkstoffe, wie zum Beispiel Carbapeneme, sind gegen diesen Krankenhauskeim machtlos. Diese letzte Reserve an Substanzen wird ausschließlich dann angewendet, wenn alle anderen Arzneien versagen. Müssen auch sie kapitulieren, sind die Patienten unweigerlich ihrem Schicksal ausgeliefert.

Die WHO hat am Montag Regierungen dazu aufgerufen, Anreize für Forscher in Universitäten und Pharmafirmen zu schaffen, um neue Antibiotika zu entwickeln. Trotz des dringenden Bedarfs für diese Substanzen gibt es nur wenige neue Produkte. Im September 2016 waren rund 40 neue Antibiotika auf dem US-Markt in der klinischen Entwicklung - verglichen mit hunderten von Wirkstoffen gegen Krebs.

60 Prozent der Patienten mit schweren Infektionen, die nicht mit Penicillin und Co. behandelt werden können, sterben nach Angaben der Experten. Vorwiegend handelt es sich dabei um Menschen mit Immunschwächen, wie Matthias Voßen von der Klinischen Abteilung für Infektionen am Allgemeinen Krankenhaus in Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont.

Risikogruppe Immunschwache

"Jeder, der nicht ganz gesund ist, hat schon ein Problem - auch in Österreich", sagt Voßen: "Natürlich wird niemand über die Straße gehen und aus dem Hinterhalt von einem multiresistenten Keim angefallen werden: Für die Allgemeinbevölkerung ist das Risiko erst mal gering. Allerdings können Gesunde resistente Keime weitergeben. Und wer nach einem Autounfall oder mit einer äußerst schweren Influenza auf der Intensivstation landet, kann Probleme bekommen."