Verliebt, verlobt, verheiratet - und dann nach ein paar Jahren gestresst, auseinandergelebt und sexuell frustriert. Dieses Schicksal kennt die deutsche Gesundheitsexpertin Susanne Wendel von vielen Paaren, vor allem wenn Kinder ins Spiel kommen. Und als auch ihre eigene Partnerschaft massiv darunter gelitten hat, dass sie nach dem zweiten Kind aber sowas von keine Lust mehr auf Sex hatte (obwohl sie davor absolut kein Kind von Traurigkeit war und man ihr Sexualleben als junge Erwachsene sogar als promiskuitiv bezeichnen könnte), sah Wendel den Zeitpunkt zum Handeln gekommen.

Und weil gerade Zwölf-Wochen-Programme im Trend liegen, von Diäten bis zum Erlernen von handwerklichen Fähigkeiten, hat sie eben ein solches für ihre Partnerschaft entworfen. Nicht direkt hintereinander, aber innerhalb eines Jahres haben sie und ihr Mann sich auf zwölf verschiedene Weisen dem Thema angenähert und versucht, wieder mehr Lust in ihre Beziehung zu bekommen. Und weil es bei ihnen offenbar funktioniert hat, ist daraus gleich ein Ratgeber für andere Paare entstanden, der es in sich hat.

Einfach machen, nicht darauf warten

Zunächst einmal stellt Wendel eine These auf, die manche verstören mag, aber in ihrer Argumentation durchaus schlüssig ist: Wer keine Lust auf Sex hat, soll nicht darauf warten, dass sich vielleicht irgendwann einmal die Lust darauf einstellt, sondern im Gegenteil den Sex aktiv planen und einfach einmal loslegen. Nach dem Motto: Der Appetit kommt mit dem Essen. (Und nicht nur die Autorin hat wohl schon festgestellt, dass der Sex, auf den sie zuvor keine Lust hatte, am Ende doch schön war.) Ihr Ratschlag: Nehmen Sie den Sex in Ihren Terminkalender auf. Nicht als verpflichtenden Termin, aber als freigehaltenen, an dem keine Ausreden gelten,

Und genauso wichtig findet Wendel es, darüber zu reden: Was mag ich, was mag ich nicht? Was mag mein Partner? Welche unerfüllten Wünsche gibt es? Erstaunlicherweise hat sie selbst bemerkt, dass ihr das zunächst bei dem Menschen, der ihr am nächsten ist, am schwersten gefallen ist. Ein weiterer Tipp: Richten Sie Ihr Schlafzimmer ansprechend ein: Wäschekorb raus, erotische Bettwäsche rein. Aber auch andere Kleinigkeiten können Großes bewirken: Denn wie wir im Alltag miteinander umgehen, beeinflusst auch, wie es im Bett läuft.

Dies sind nur vier von insgesamt zwölf Punkten, die sie in ihrem Buch angeht, in dem sie auf sämtliche Tabus pfeift. Und das ist gut so. Denn durch ihre eigenen Erfahrungen - seien es Besuche bei Tantra-Masseurin, Domina (zwecks BDSM-Erfahrungsaustausch für den Hausgebrauch) und Sex-Coach oder auch die Erforschung des eigenen Körpers - macht sie anderen Frauen Mut, sich wirklich zu öffnen. Und sich zum Beispiel nicht für die Form ihrer Vagina zu schämen, zu der sie übrigens verschiedene Typologien vorstellt. Woher sie die kennt? Aus verschiedenen Fachbüchern.

Mundgerechte Wissenshappen

Womit wir bei einer weiteren wichtigen Leistung Wendels sind: Sie kaut den Lesern die Fachliteratur förmlich vor und serviert ihnen mundgerechte Wissenshappen aus wissenschaftlichen Abhandlungen, dem Kamasutra oder indianischen Überlieferungen. Dabei erklärt sie auch, warum manche Paare aus sexualorganischer Sicht besonders gut harmonieren, welche verschiedenen Arten es gibt, als Frau zum Höhepunkt zu kommen - und warum es sogar wichtig ist, sich zwischendurch auch einmal selbst zu befriedigen, wenn man ein erfülltes Sexualleben haben will.

Fazit: Wendel hat viele einleuchtende gute Tipps und Beispiele, von denen nicht sicher nicht alle von jedem Paar in die Praxis umgesetzt werden. Aber schon ein Teil davon hat sicher das Potenzial, die Lust wieder zu wecken und die Partnerschaft zu stärken oder gar zu retten. Denn, davon ist die Autorin fest überzeugt: Sex ohne Liebe ist möglich, aber Liebe ohne Sex kann nicht funktionieren.

Susanne Wendel: Gesundgevögelt in 12 Wochen
Verlag Goldegg; 178 Seiten; 19,95 Euro