Andere zu verstehen, das ist bei Kleinkindern noch gar nicht möglich. - © Fotolia/famveldman
Andere zu verstehen, das ist bei Kleinkindern noch gar nicht möglich. - © Fotolia/famveldman

Leipzig/Wien. Kleinkinder sehen die Welt mit eigenen Augen. Und das tatsächlich nur mit ihren eigenen. Das Ich steht bei ihnen nämlich ganz im Vordergrund - sowohl bei Entscheidungsfindungen als auch im sozialen Kontext. Gedanken außerhalb ihrer eigenen Wahrnehmung scheinen einfach nicht zu existieren. Es zählt ganz und gar, was sie mit eigenen Augen sehen und was sie selbst schon über die Welt wissen.

Für Erwachsene ist es dagegen leichtes Spiel, ihre eigenen Gedanken von denen anderer zu unterscheiden. Für soziale Interaktionen ist die Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinversetzen zu können, eine besonders wichtige Voraussetzung. Kindern hingegen ist es erst ab einem Alter von etwa vier Jahren möglich, zu erfassen, dass andere Menschen mitunter anders denken, dass Du und Ich gedanklich weit auseinanderdriften können.

Sich in andere hineinzuversetzen, müssen sie erst lernen. Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun auch herausgefunden, welche Gehirnstruktur bei diesem bedeutenden Entwicklungsprozess eine maßgebliche Rolle spielt, und berichten darüber im Fachmagazin "Nature Communications".

Die Forscher um die Neurowissenschafterin Charlotte Grosse-Wiesmann untersuchten mittels Magnetresonanztomographie, welche Veränderungen im Gehirn von Kleinkindern diese Zuschreibung von Gedanken erst ermöglichen. Sie analysierten bei insgesamt 43 Kindern zwischen drei und vier Jahren die Struktur der weißen Gehirnsubstanz in verschiedenen Arealen des Gehirns sowie in Folge die Verknüpfung dieser Bereiche.

Die Daten verglichen sie mit Ergebnissen aus einem Verhaltenstest. So wurde etwa vor den Augen der Kinder eine Schokoladenbox mit Stiften gefüllt. Dann wurden sie gefragt, was andere in der Box vermuten würden. Die Dreijahren antworteten "Stifte", die Vierjährigen "Schokolade". Mit solchen False-Belief-Aufgaben kann überprüft werden, ob Kinder schon erkennen können, dass andere Menschen Gedankenkonstrukte aufweisen können, von denen das Kind klar weiß, dass diese falsch sind.

Die Hypothese der Wissenschafter war, dass bei Dreijährigen eine wichtige Verbindung im Gehirn noch nicht weit genug gereift ist - nämlich der sogenannte Fasciculus Arcuatus, der als Faserstruktur zwischen einer Region im hinteren Schläfenlappen und einem Areal im Frontallappen im vorderen Großhirn eingebettet ist.

Autismus im Visier

Irgendwann im Alter zwischen drei und vier Jahren entwickelt sich diese Faserstruktur so weit, dass sie als eine Art Datenautobahn die zwei Gehirnareale verbindet. Die Region im Schläfenlappen hilft uns, über andere Menschen und ihre Gedanken nachzudenken. Jene im Frontallappen ermöglicht die Differenzierung von Gedanken. Diese Verbindung unterstützt die neue Fähigkeit in Unabhängigkeit davon, wie gut andere geistige Fähigkeiten wie Intelligenz, Sprachverständnis oder Impulskontrolle ausgeprägt sind, so die Wissenschafter.

Die Entdeckung könnte für weitere Forschungen zu Autismus und anderen neuropsychologischen Erkrankungen von Bedeutung sein, erklärt Grosse-Wiesmann. "Beim Autismus ist bekannt, dass genau diese Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, gestört ist und dass es Probleme mit Hirnverbindungen gibt." Ob aber bei Autisten tatsächlich diese Faserverbindung gekappt ist, muss jedoch noch untersucht werden.