Idyllische Szene: "Schlafende Hirtin" von Franz Marc (1912). - © Ullstein Bild/Liszt Collection
Idyllische Szene: "Schlafende Hirtin" von Franz Marc (1912). - © Ullstein Bild/Liszt Collection

Der Schlaf ist eine biologische Grundfunktion. Wer gut schläft, fördert seine Gesundheit, Schlafstörungen und chronischer Schlafmangel machen krank. "Schlaflos ist des Kranken Schlaf" wusste schon Sophokles. Permanenter Schlafentzug gehört zu den grausamsten Foltermethoden.

Durchschnittlich verschlafen wir Menschen etwa ein Drittel unseres Lebens. "Der Schlaf ist", wie ein altes Sprichwort sagt, "die angenehmste Art, sich das Leben zu verkürzen". Und eben weil so angenehm, nehmen wir diese "Verkürzung" unseres Lebens auch gerne hin. Aus biologischen Gründen bleibt uns auch nichts anderes übrig, denn obgleich die moderne Schlafforschung keineswegs schon alle Rätsel des Schlafs im Detail vollständig gelöst hat, ist es offenkundig, dass der Schlaf unser Dasein ganz entscheidend mitbestimmt.

Während aber die anderen Säugetiere - ihrem jeweiligen Artprogramm gemäß - einfach nur relativ viel oder relativ wenig schlafen, hat der Schlaf beim Menschen auch seine Kulturgeschichte. Natürlich ist nicht zu übersehen, dass auch viele Tiere sich ihre Schlafstätten geradezu kunstvoll zurechtmachen und sich nicht einfach nur irgendwo hinlegen. Wer daheim eine Katze hat, weiß, dass diese Spezies bestimmte Schlafplätze bevorzugt und sich gern auf weichen Polstern einrollt. Und Tiere, die Winterschlaf halten, suchen sich einen günstigen Platz dafür aus und machen sich diesen für die lange Schlafphase zurecht.

Dabei sind Murmeltiere, die sehr lang in den Winterschlaf fallen und in Gruppen schlafen, regelrechte Künstler. Im Spätsommer trocknen sie abgebissene Gräser in der Sonne und bringen sie in ihren Bau, um sie zur Ausstattung ihrer Nester zu verwenden. Allfällige Öffnungen im Bau verschließen sie zu ihrem Schutz sorgfältig mit Steinen und Erde. Ist der Winterschlaf zu Ende, reinigen die Murmeltiere sogar ihren Bau und bringen die trockenen Gräser wieder hinaus.

Suche nach Schutz

Um zu schlafen, können Tiere aber nur Möglichkeiten ergreifen, die ihnen die Natur unmittelbar bietet, wobei der Schutz natürlich eine wesentliche Rolle spielt. Wie andere Primaten, fanden unsere frühen Vorfahren diesen Schutz im Geäst von Bäumen, in ihrer späteren Evolution dienten ihnen Höhlen als vorübergehende Wohn- und Schlafstätten. Mit Beginn der Sesshaftigkeit vor etwa fünfzehntausend Jahren stand der Mensch vor der Aufgabe, sich seine Behausungen dauerhaft auch für den Schlaf einzurichten. Es begann allmählich die Kultivierung des Schlafs - und damit, zunächst freilich sehr zaghaft, die Geschichte des Bettes. Wann und wo das erste Bett stand, ist vergleichbar mit der Frage, wann und wo einem Menschen das erste Wort über die Lippen kam.

Was ist überhaupt ein "Bett"? "Eine erhöhte Lage, bes[onders] für die Nacht", heißt es lapidar in der "Brockhaus Enzyklopädie", der man aber auch entnehmen kann, dass das Bett als selbstständiges Möbelstück aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend im Vorderen Orient und in Ägypten nachgewiesen sei. Dass die alten Griechen und Römer über Betten (vor allem aus Holz) verfügten, ist allgemein bekannt. Und wer noch Latein gelernt hat, mag sich an das Verb "accubare" erinnern, das im Sprachgebrauch der Römer nicht einfach nur "liegen", sondern auch "bei Tische liegen" bedeutete und die Sitte, liegend zu speisen, zum Ausdruck brachte.

Allerdings darf man davon ausgehen, dass es damals keineswegs allen Leuten gegönnt war, dieser Sitte zu frönen und dass das Bett überhaupt den Hochgestellten und Wohlhabenden vorbehalten blieb, während sich das einfache Volk mit Matratzen und Strohsäcken begnügen musste (die auch später noch als Schlafunterlagen dienten).

Die Benutzung eines Bettes als Einzelbett war auch im Mittelalter das Vorrecht der Adeligen; die breite Masse musste Mehrpersonen-Betten benutzen. Die Härte des Alltags im Mittelalter spiegelt sich auch in den Schlafgelegenheiten wider. Aber daran änderte sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte zunächst wenig. Während in den Adelshäusern Betten zu wahren Prunkmöbeln stilisiert wurden, waren breite Bevölkerungsschichten gezwungen, ihre Nachtruhe ohne einen Hauch von "Schlafkultur" zu verbringen.

In seinem lesenswerten Buch "Durch die Nacht" schreibt Ernst Peter Fischer Folgendes dazu: "Für heutige Vorstellungen unbegreiflich, herrschte bei Familien der sogenannten Unterschichten oftmals ein derartiger Mangel an Schlafplatz, dass sie zu zweit, zu dritt oder noch enger zusammengepfercht auf einer Matratze schlafen mussten, was ein Mensch, der die heutige Abgeschiedenheit seines eigenen Bettes gewohnt ist, gar nicht hinbekommen würde."

Aber in heutigen überbevölkerten Regionen der Welt, in den Slums der Megastädte nördlich und südlich des Äquators, muss vielen Menschen das Einzelbett nach wie vor als Luxus erscheinen. Wie die Kulturgeschichte insgesamt, verläuft eben auch die Kulturgeschichte des Schlafens nicht linear und hat in verschiedenen Weltgegenden eine unterschiedliche Entwicklung genommen, die nicht zuletzt von ökonomischen Randbedingungen abhängt.