Los Angeles. Mehr als zwei Stunden bereits sind acht Männer in knallgelben Warnwesten in einer abgesperrten Seitenstraße im Norden von Los Angeles lautstark zugange. Mithilfe von mehreren Motorsägen, zwei Kränen und vielen Seilen rücken sie einer 35 Meter hohen Amerikanischen Platane zuleibe, die direkt aus dem Gehsteig eng an einer Glasfassade emporwächst und den auf und ab spazierenden Anrainern seit mehr als 40 Jahren Schatten spendet. Doch damit ist nun Schluss. Und je mehr Äste krachend auf die Straße fallen, desto sichtbarer wird, wieso: Anstelle eines weißlich-hellgelben, geradlinigen, gesunden Stammes ist das Bauminnere von schwarzen, rundlich verlaufenden, hohlen Kreisen durchbohrt. Der innerste Kern schimmert rosarot.

Platane von Pilz befallen

Der durch Käfer übertragenen Pilzbefall dieser Platane ist in Südkalifornien schon lange kein Einzelfall mehr. Botaniker kommen hier aktuell kaum mehr damit nach, befallene Bäume zu zählen - sie beobachten ein Baumsterben in bisher ungekannter Geschwindigkeit. Alleine etwa im Tijuana River Valley Regionalpark im Bezirk San Diego zerstört Schädlingsbefall mehr als 100.000 Weiden. Auf dem Campusgelände der University of California in Irvine sind mehr als 2.000 Bäume infiziert, mehrere hundert wurden bereits entfernt.

Eine erste Untersuchung der US-Forstverwaltung, die versucht, sich eine Übersicht über die Gesamtlage zu verschaffen, bestätigt schlimme Befürchtungen: Alleine eine Käferart, der Polyphagous Holzbohrer, bedroht ihren Schätzungen zufolge in den vier Bezirken Los Angeles, Orange, Riverside und San Bernadino 27 Millionen Bäume. Das sind 38 Prozent des Baumbestandes in einem Gebiet, in dem zwanzig Millionen Menschen leben.

Dabei ist dieser eine Käfer nur eine der Gefahren. Seit Ende 2011 bis Anfang dieses Jahrs herrschte in Kalifornien eine ungewöhnlich starke und lange Dürrephase. Botaniker geben zu bedenken, dass viele der Bäume, die im sehr stark besiedelten und bebauten Südkalifornien über Jahrzehnte als "urbaner Wald" gepflanzt und kultiviert wurden, eigentlich für gemäßigtes Klima gedacht sind. Der Stress der Dürre, damit verbundene jahrelange Wasserrestriktionen, höherer Salzgehalt in wiederaufbereitetem Wasser, Wind und neue importierte Schädlinge setzten den Bäumen massiv zu.

Tausende Eichen von San Diego bis Los Angeles hat etwa der Goldfleck-Eichenbohrer auf dem Gewissen. Der Asiatische Zitrusblattfloh überträgt Bakterien, die die Zitrusbäume befallen. Oleander-Blatt-Brand wird durch Bakterien ausgelöst, die eine Zwergzikadenart beim Saugen von Pflanzensäften überträgt. Und die zahlreichen Palmen in der Region werden aktuell vom Südamerikanischen Palmenrüssler bedroht.

1.300 Dollar für Baumschnitt

Bewahrheiten sich die Prognosen, kommen auf Südkalifornien Milliardenkosten zu. Die Entfernung eines Baumes im urbanen Bereich und dessen Ersatz beläuft sich im Schnitt auf 1.300 US-Dollar. Gleichzeitig ist man noch nicht sicher, was der beste Ersatz für die nun schnell sterbenden Amerikanischen Platanen, Amberbäume, Oleander oder Zwetschken- und Olivenbäume wäre.

Während etwa Behördenvertreter heuer im Bezirk San Diego tausende austreibende Weiden meldeten, warnen Pflanzenpathologen vor verfrühter Freude: Die Käfer würden sich wieder in die Bäume bohren, sobald die Triebe wenige Zentimeter lang sind. Daher empfehlen sie, andere Arten zu pflanzen. Gingkobäume, Immergrüne Magnolien, Rote Lapachos oder Kiefern und Pekannussbäume würden sich bisher besser halten, heißt es.

Es besteht aber keine besonders große Einigkeit unter den Botanikern, welche Baumarten wenig anfällig sind für invasive Schädlinge, länger anhaltende Dürre und den Klimawandel. Kalifornier, die sich traurig von den lieb gewonnenen Bäumen in ihren Gärten - unter denen ihre Kinder jahrelang schaukelten und sie am Wochenende grillten - trennen müssen, bleiben bei den divergierenden Empfehlungen oft ratlos zurück.

Die Kosten gehen aber über die Entfernung von maroden Bäumen und eine Neusetzung weit hinaus, warnt die US-Forstverwaltung. Der Verlust des "grünen Daches" durch die Bäume hätte Konsequenzen für die Gesundheit der Menschen, für den Wert der Immobilien, die Kohlenstoffspeicherung, Luftsauberkeit und den Lebensraum wilder Tiere.

Nicht zuletzt müssten die Südkalifornier ohne den kühlenden Effekt der Baumschatten wohl auch ihre ohnehin bereits exzessiv genutzten Klimaanlagen noch stärker in Betrieb nehmen. Dabei wurden in der Region in den vergangenen Jahren bereits wegen der Dürre tausende Quadratmeter an kühlendem, grünen Rasen entfernt und Gärten, Grünflächen rund um Parkplätze oder Mittelstreifen zwischen Autofahrspuren durch sogenannte dürre-resistente Landschaften ersetzt. Meist sind dies Sukkulenten oder Kakteen und hohe Gräser, um die Steine oder Holzchips gelegt werden, seltener Kunstrasen.

Verfügbarkeit von Setzlingen

Vertreter der US-Forstverwaltung sagen voraus, dass Südkalifornien immer mehr zu einer "Post-Oasis-Landschaft" wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Landschaft und Baumvegetation Südkaliforniens nachhaltig verändern. Wurde im 19. Jahrhundert eine mutmaßlich große Zahl von einheimischen Eichen und Platanen von Rinderzüchtern für mehr Weideland gefällt, so wurden ab den 1950er-Jahren von Baulandentwicklern massiv nicht-einheimische Bäume gepflanzt, von Palmen über die rosa blühenden Lagerströmien bis hin zu Olivenbäumen und Amerikanischen Amberbäumen. Offen ist auch, wie schnell neue Setzlinge verfügbar sind. Aktuell wird beklagt, dass der Technologieriese Apple für seinen neuen Campus in Nordkalifornien die Baumbestände des US-Bundesstaats leer kauft.