Roland Benedikter. - © privat
Roland Benedikter. - © privat

Beim 1. Symposium für Kulturheilkunde an der Dresden International University am 2. Juni ging es um die Frage der Zukunft des Schmerzes. Wie kann man ihn besser in den Griff kriegen? Und welcher Kulturwandel vollzieht sich mit den neuen Ansätzen? Hier ist es durch die bahnbrechenden pharmakologischen und medizintechnischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu einer neuen Beziehung zwischen dem Individuum "Mensch" und dem Gesamtsystem von Medizin und Medizintechnik gekommen.

Technologische Innovationen haben die Grenzen des Machbaren immer mehr verschoben - und den Menschen zunehmend zu einem Objekt an der Schnittstelle von Pharmakologie, Informatik sowie Nano- und Gentechnologie gemacht. Stichworte wie Transhumanismus, Mensch 2.0 und "Verbesserung des Menschen" (human enhancement) sind bereits eng mit konkreten Entwicklungen in der gegenwärtigen Schmerzmedizin und im Gesundheitssystem verbunden. Was wird in Zukunft aus dem Schmerz werden? Tanja Matthes (DIU) traf den Soziologen und Transhumanismus-Experten Roland Benedikter zum Gespräch.

In Ihrem Referat "Transhumanismus und Medizin – Mensch 2.0 und Körper 2.0 ohne Schmerzen?" schilderten Sie die neuen Entwicklungen. Was geschieht heute in der Schmerzmedizin?

Die technologische Ausweitung der Lebensspanne und die neuronale Beeinflussbarkeit der inneren Wahrnehmung - etwa mittels Gehirnimplantaten und genaueren, "gelenkten" Medikamenten sowie in absehbarer Zeit auch Nanotechnologie - sind Neuerungen, die im Zentrum des Interesses stehen. Damit ist nicht nur die Hoffnung auf sehr langes, sondern auch schmerzfreies Leben verbunden.

Sie sprechen für die avantgardistischen Entwicklungen der Gegenwart von "Transformationsmedizin"?

Ja, wir befinden uns am Beginn des Zeitalters der Transformationsmedizin. Transformationsmedizin heißt: Vom bisherigen Heilen des kranken Körpers (healing) zum Verbessern des gesunden Körpers (enhancement). Der gesamte Körper soll "verwandelt" oder gar "verbessert" werden, auch in seinen gesunden Teilen, damit der Schmerz aufhört. Der ganze Mensch soll physiologisch mittels Technologie modifiziert werden, um das Problem zu lösen. Diese Idee ist Teil der heute um sich greifenden Ideologie des "Transhumanismus". Transhumanismus heißt: "mit Technik über den bisherigen Menschen hinausgehen". Die Transformationsmedizin, die das propagiert, ist Teil der Transformationstechnologie, die mittlerweile alle Bereiche unseres Leben durchdringt – und in ihrer Gesamtwirkung bereits wichtiger als herkömmliche Politik und Wirtschaft ist.