Was ist die Zukunft des Schmerzes?

Der Schmerz soll "transhumanistisch" einerseits durch die technologische Umrüstung des Menschen völlig abgeschafft werden. Andererseits wird er – paradoxerweise – eben durch die technischen Neuerungen der Medizin zum Luxus, auf den man nicht verzichten kann. Denken Sie etwa an die neuen, erst kürzlich patentierten Prothesen, die "fühlen" können. Schmerzempfindung wird hier geradezu zum Desiderat, um mit der Prothese natürlichen Gliedmassen möglichst nahe zu kommen.

Schmerz als "feature"...

Ja, Schmerzen künftig als Wahrnehmungsorgane und gewissermaßen als Luxus in ausgewählten Erfahrungsbereichen. Schmerz als Vermittler zum Realen. Schmerz als Ich-Instrument.

Zusammengefasst heißt das doch nichts anderes als: Unser Verhältnis zum Schmerz wird paradox. Wir wollen ihn abschaffen, und wir brauchen ihn.

Genau. Wir stehen künftig in einer Paradoxie, die für unseren Bezug zum Schmerz charakteristisch sein wird. Die große Bewegung ist: Schmerz soll "aufgehoben" werden. Das hat schon im Wort "aufheben" eine Doppelbedeutung – ganz im Hegelschen Sinne. Einerseits soll Schmerz als Wahrnehmungselement mit hohem kognitiven Wert kultiviert werden, also "aufgehoben" werden im Sinn von "aufbewahrt" für bestimmte Zwecke. Zugleich soll er möglichst völlig "aufgehoben" werden im Sinn von "verschwinden", nicht mehr sein.

Und das bedeutet?

Sollte der Transhumanismus weiter voranschreiten, was wahrscheinlich ist, wird diese Paradoxie in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen: Die positive Neubewertung des Schmerzes gleichzeitig mit seinem völligen Aufhebungsversuch - womit, in der Gleichzeitigkeit von beiden, möglicherweise auch eine "Hebung" des Gesamtphänomens Schmerz auf eine höhere Stufe gemeint ist. Damit verbunden ist eine Umwertung aller Werte. Eine Neu-"Kultivierung", wenn Sie so wollen.

Schmerz wird zum Kulturelement?

Ja. Das ist an sich schon eine Paradoxie. Damit ist die Zukunft des Schmerzes gut charakterisiert. Ein Beispiel, wie sich dieser kulturelle Wandel vollzieht, war die von der ETH Zürich veranstaltete 1. Cyborg-Olympiade (Cybathlon) in der Swiss Arena im Schweizerischen Kloten am 8. Oktober 2016. Sie wurde in Deutschland viel zu wenig beachtet.