Wir sind insgesamt also am Beginn des Zeitalters einer Transformationsmedizin, womit sich der Kulturbegriff ändert - sowohl hinsichtlich Medizin wie Schmerz.

Richtig. Das Zeitalter der technoiden Transformationsmedizin ist, realistisch besehen, durchaus ein Zeitalter der Kulturmedizin. Aber der Begriff der Kultur ändert sich: er wird immer mehr gleichbedeutend mit "hypertechnologischer Medizin" oder Mensch-Maschine-Konvergenzmedizin. Die Medizin steht in einem kulturellen Wandel, weil sich das Paradigma der Kultur durch die Technisierung ändert. Der Kulturbegriff wird zunehmend mit dem Technikbegriff gleichgesetzt, teilweise auch durch ihn ersetzt: sowohl hinsichtlich Medizin wie Schmerz. Und dabei verändert sich auch das Bild des Menschen – als dem Zentrum von beidem.

Schmerz = Ende = Notwendigkeit. Wird mit der einen Seite dieser Gleichung: mit dem Ende des Schmerzes nicht eigentlich das Ende des Körpers herbeigesehnt?

Transhumanistisch schon. Technik soll zur Überwindung aller Schmerzen dienen – inklusive des Schmerzes des Daseins, wie es der Philosoph Jean-Francois Lyotard einmal ausdrückte. Denn bewusstes Dasein in Endlichkeit wird vom Transhumanismus als der Schmerz an sich: als das Unerträgliche an der conditio humana verstanden. Hier ereignet sich heute sowohl in Praxis wie Selbstverständnis der Medizin eine Wende, deren Ausmaß wir noch gar nicht absehen können. Transformationsmedizin will über den Schmerz – sowohl situativ wie universal verstanden – hinaus mittels eines Hinaus über den Körper an sich. Denn Körper ist letztlich Schmerz – jedenfalls aus transhumanistischer Sicht, die sich immer weiter ausbreitet.

Finden Sie das gut?

Wir werden sehen. Es ist eine Entwicklung absehbar, innerhalb derer praktisch alle Bereiche der Gesellschaft durch den Dialog zwischen dem bisherigen Humanismus und dem technoiden Transhumanismus bestimmt sein werden. Das betrifft auch den Kern der Medizin. Die Frage ist einerseits, ob und wenn ja welche Argumente die bisherige Kulturmedizin der Technisierung von Mensch und Medizin entgegenstellen soll. Und andererseits, wie Kultur- und Integrationsmedizin sinnvoll am vor uns liegenden Gesamtprozess des Zusammenwachsens von Technik, Medizin und Mensch teilnehmen kann. In einigen Bereichen gilt es durchaus Widerstand zu leisten. Nicht nur gegen zu schnelle und zu unbewusste Entwicklung. Auch im Grundsätzlichen. Und an anderen Aspekten gilt es aktiver als bisher teilzuhaben.