Laxenburg/Wien. Unkonventionelle Ansätze für die großen Themen des Lebens: Das ist der wissenschaftliche Zugang des Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg.

Das internationale Forschungsinstitut südlich von Wien betreibt interdisziplinäre Forschung in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft, Technologie und Bevölkerung. Mathematische Modelle und Feldforschung sollen Lösungen für universelle Probleme liefern und dabei die menschliche Dimension, Gesellschaft und Umwelt im Auge behalten. Am Donnerstag legte das IIASA die Bilanz seiner mehr als 50 wissenschaftlichen Projekte aus dem Jahr 2016. Diese bieten durchaus neue Antworten auf individueller und globaler Ebene.

Beginnen wir mit dem Individuum: Es gibt eine Mathematik der Liebe. Der Systemtheoretiker Sergio Rinaldi und seine Kollegen können berechnen, wann Liebesgeschichten funktionieren und wann sie scheitern. Der Schlüssel liegt in den Persönlichkeiten. Etwa verlieben sich im Film "Titanic" zwei attraktive Individuen, deren Liebe beidseitig wächst: Im Modell stehen sie für stabile Individuen in einer Partnerschaft.

Erstaunlicher erscheint es, wenn ein Partner weniger attraktiv ist als der andere - oder, wie im Märchen "Die Schönheit und das Scheusal" - sogar abstoßend. Die Forscher können kalkulieren, ob solche Partner zusammenbleiben. Dabei kann der weniger charmante Teil kompensieren, indem er oder sie sich für den Partner attraktiv macht. Wenn der Bluff aus ist, fällt es dem anderen möglicherweise wie Schuppen von den Augen und die Bindung könnte enden. Auch sind nicht alle Menschen stabile Beziehungspartner. Sie flirten gerne, binden sich aber nur schwer. Laut dem Modell trennen zwei instabile Partner fast ausnahmslos - ähnlich wie Scarlett O’Hara und Rhett Butler in "Vom Winde verweht". Auch die Auswirkungen blinder Liebe, wo die Partner einander haushoch überschätzen, können berechnet werden. "Instabilität ist eine explosive Mischung", warnen Ronaldi und seine Kollegen in ihrem Buch, "Modeling Love Dynamics".

Klima-Vorhersagen

Auf gesellschaftlicher Ebene haben die IIASA-Forscher zusammen mit dem Österreichischen Institut für Demographische Forschung Ausbildung und Berufskompetenzen von Flüchtlingen untersucht. "Wer sind die Flüchtlinge?", die im November und Dezember 2015 aus Syrien und dem Irak nach Österreich kamen, wollte man wissen. Befragt wurden 1400 Geflüchtete persönlich zu Herkunft, Ausbildung, Berufserfahrung, Familienstatus, Werten und Zukunftsplänen. Rund die Hälfte gab an, eine Sekundärschulbildung zu haben, ein Viertel mit Matura oder akademischen Abschluss. Das Team will, wie es schreibt "einen Beitrag zur Integration leisten".

Global gesehen stellt das Forschungsinstitut Berechnungen zu den Auswirkungen des Klimawandels als Diskussongrundlage für die Welt-Klimagipfel an. Forschende des Energy Programm analysieren, wie das Ziel, die Emissionen auf unter zwei Grad zu begrenzen, erreicht werden kann. In einer Meta-Analyse stellten sie fest, dass die Länder weit hinter ihren Zielen zurückfallen, die Maßnahmen ungerecht aufgeteilt sind und teilweise unpräzise formulierte Zusagen womöglich sogar zu höheren .CO2-Ausstößen führen könnten. Die Forscher um Joeri Rogelj fordern, dass beim nächsten Klimagipfel im Herbst dieses Jahres klare Richtlinien erarbeitet werden. Ein Papier zum Thema Bioenergien fand wiederum Eingang in die EU-Politik. Das IIASA analysiert Energiethemen für die EU-Kommission. Ein Team konnte zeigen, dass der Anbau von Soja- oder Palmöl auf Europas landwirtschaftlichen Flächen neue Treibhausgase erzeugen würde. Die Studie bildete eine Grundlage für eine EU-Direktive für erneuerbare Energien, wonach künftig Biotreibstoffe der zweiten Generation zum Einsatz kommen sollen. Diese Rückstände aus der Holzgewinnung und dem Holztransport in der Fortswirtschaft können laut den Wissenschaftern die Emissionen sogar senken, wobei jedoch der Druck auf die Wälder steigen würde - weitere Studien sind in Arbeit. "Das IIASA wird weiterhin mit Forschung, Politik und Wirtschaftstreibenden weltweit zusammenarbeiten", bekräftigte Generaldirektor Pavel Kabat.

2016 beschäftigtes das Institut 348 Wissenschafter aus 50 Ländern, die in einem Netzwerk von 3500 Forschern tätig sind. 615 Studien wurden veröffentlicht, davon 406 in anerkannten Journalen mit Peer-Review. 71 Prozent der Publikationen sind im Archiv des Instituts frei zugänglich.

Brücke zwischen Ost und West

Das IIASA wurde auf Initiative der USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges als Brücke zwischen Wissenschaftern aus Ost und West gegründet. 1972 wurde die Charta des Instituts in London von zwölf nationalen Mitgliedsorganisationen unterzeichnet. 1994 wurde das Mandat, unabhängige wissenschaftliche Forschung aus einer globalen Perspektive zu betreiben, von einer Ministerkonferenz erneuert - seit damals traten dem IIASA auch asiatische und afrikanische Länder bei. 2009 wurde ein neuer Forschungsplan verabschiedet, der den Schwerpunkt auf den globalen Wandel unserer Zeit legt - sowohl was Klimawandel, Wasser- und Nahrungsknappheit, als auch was Demografie und laufende gesellschaftliche Veränderungen betrifft.

Das Jahresbudget betrug im Vorjahr 22 Millionen Euro und stammte zu 56 Prozent von den heute 24 Mitgliedssaaten. Weitere Gelder kommen von öffentlichen und privaten Spendern oder aus kompetitiv eingeworbenen Mitteln, darunter neun Forschungspreise des Europäischen Forschungspreises (ERC-Grants). "Die Forscher sind unser größtes Kapital", fasst Kabat zusammen - daher setze er die Segel auf Wachstum. Das IIASA will seine Strukturen kritisch bewerten und gegebenenfalls anpassen: Die Ergebnisse einer derzeit laufenden internen Prüfung sollen im Laufe dieses Jahres bekannt gegeben werden. "Ziel ist, für internationale Top-Forscher attraktiv zu sein", sagt er.