New York. (dpa) Schon in wenigen Jahren könnte jedes Detail zum Alltagsleben einer Menge Menschen in einem roten Würfel gespeichert sein. Für "The Human Project" sollen 10.000 New Yorker über Jahrzehnte hinweg Unmengen von Daten liefern - vor allem über eine Smartphone-App, die Informationen weitergibt. Forscher wollen alles wissen über uns, um dann vorherzusagen, welche Chancen oder Risiken sich aus der Ausgangslage auftun.

Wer bekommt Diabetes, Krebs, Alzheimer oder Parkinson? Wie wirken sich der Wohnblock, die Sozialkontakte oder die Schulwahl auf den Lebensweg aus? Kreditkartendaten, Gehaltsschecks, Intelligenz-Tests, Arztakten, Werte aus Blut- und Urinproben und vieles mehr werden einfließen in den Big Data-Strom streng anonymisierter - und zugleich gläserner - Menschen. Sammeln wollen die Forscher 250 Gigabyte an Daten pro Jahr und Teilnehmer, erste Ergebnisse erwarten sie für 2020.

Alles ist genau berechnet

"Es wird die Weise, wie leben, verändern", sagt der Neuro-Ökonom und Psychologe Paul Glimcher von der New York University, der Kopf hinter dem Projekt. Wichtig sei ihm die genaue Aufklärung aller Testpersonen. "Die Weise, wie die Industrie dies bisher tut, ist beschämend, wenn nicht sogar ein Verbrechen", erklärte er der "New York Times".

Etwa will das Google-Mutterunternehmen Alphabet dem Nutzer Information entlocken, um auf dieser Basis künstliche Intelligenzen zu schaffen, die unser Informationsbedürfnis schon berechnen, bevor wir überhaupt eine Suchanfrage stellen. Wegen Missbrauchs seiner Marktmacht verurteilte die EU-Kommission den Google-Konzern jüngst zu einer Strafe von 2,4 Milliarden Euro. Das ambitionierte Forschungsvorhaben des Teams um Paul Glimcher wird von der Non-Profit-Wissenschaftsstiftung Kavli mit 15 Millionen US-Dollar (13,14 Millionen Euro) finanziert und soll im Herbst mit zunächst 4000 freiwilligen Familien aus allen Stadtteilen, Alters- und Einkommensgruppen starten. Laut den Forschern hätten viele Studien aus den Sozialwissenschaften das Problem, dass sie nur an kleinen Gruppen durchgeführt würden.

Die New Yorker Forscher wählen hingegen einen Ansatz aus der Astronomie. "Wenn Astronomen in den 1990er-Jahren sich für Quasare interessierten, buchten sie für drei Nächte im Jahr ein Teleskop und fanden vielleicht zwei oder drei Quasare", erzählt Glimcher. Dann habe der Princeton-Astronom James Gunn eine bessere Idee gehabt: Für den Sloan Digital Sky Survey ließ er ein Teleskop langsam über den gesamten Sternenhimmel gleiten. Daraus entstand eine immense Datenbasis, mit der Forscher heute viele Zehntausend Quasare - das sind aktive Kerne von Galaxien - einfach von ihrem Computer aus finden. "Think Big" lautet die Devise.

Smartphone als "Teleskop"

Der New Yorker Mikrokosmos mit seiner Vielfalt an Lebensformen, Ethnien und ökonomischen Bedingungen schien den Forschern ein idealer Standort für das Projekt - mit dem Smartphone als "Teleskop". Da in den USA nahezu alles mit der Kreditkarte bezahlt wird, bekommen die Forscher auch einen detaillierten Einblick in das Konsumverhalten: Welche Lebensmittel werden wo gekauft? Fast-Food-Restaurants oder Salatbars bevorzugt? Wird in der Freizeit Geld für Kinokarten oder für Besuche im Fitnessstudio ausgegeben? Auch soziale Kontakte, online verbrachte Zeit, Umzüge, Schulkarrieren und berufliche Entwicklungen sollen aus den Daten nachvollzogen werden - über mindestens zwei Dekaden hinweg. Zugleich sammelt "The Human Project" genetische Daten und Infos zur Darmbakterien-Kultur der Teilnehmer. "Unsere Antworten werden reicher sein als nur ‚Zucker verursacht Diabetes‘", sagt Glimcher. Etwa will er wissen, wie Armut sich auf die Hirnentwicklung kleiner Kinder auswirkt, oder welche Umwelteinflüsse zur Entstehung von Krebs beitragen. "Wir erstellen eine Landkarte. Und diese Landkarte wird für die Gesellschaft hilfreich sein."

Computerprogramme kämmen die Informationen nach Mustern. Herauslesen wollen die Forscher allgemeine Algorithmen. Um die Identität der Teilnehmer zu schützen, entsteht an der New York University in Brooklyn ein Hochsicherheitstrakt. Ins Innerste, den "roten Würfel", darf nur eine Handvoll Datenwärter. Akkreditierte Forscher erhalten Zutritt - allerdings ohne eigenen Laptop oder Datenstick. Von außen können Forscher nur Mini-Datensets beantragen, aus denen sich keine Identitäten ableiten lassen.